Stehen für innere Stärke

Ebikon, 5. November 2015 – Inwiefern die QiGong-Übung «Stehen wie ein Baum» innere Stärke bringt. Und warum man an Bushaltestellen ruhig etwas verrückt sein darf. Martin Schmid im Interview.

Martin Schmid: «Es geht um die Grundstruktur, um eine gesunde Haltung, um ein Aufgerichtetsein, das von innen kommt.»

Stehen wie ein Baum, was ist das und wozu ist das gut?

Stehen ist eine Wissenschaft, bei der man sich selbst erforscht und kultiviert. Das Wissen, das du dir dabei schaffst, zeigt sich mit der Zeit als Struktur und Klarheit, Spontaneität, Gelassenheit und Weisheit.

Hört sich nach altem Wissen an?

Eher nach einem uraltem Weg, der das Wissen immer wieder neu schafft, und zwar auf die unkomplizierteste Art und Weise. Als Wang Xiangzhai – der Begründer des Yiquan, einer inneren Kampfkunst, die auch eine Heilkunst ist – einmal gebeten wurde, seine Übungen zu demonstrieren, aus denen seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten entsprangen, stand er einfach hin. Er sagte: «Ihr habt alle diese spektakulären Formen. Ich stehe einfach.» Zhanzuang-Gong, die Praxis des Stehens, bildet den Kern des Yiquan und der meisten QiGong- und Taiji-Schulen. Sie alle erkennen das Stehen als primäre Praxis für innere Stärke an. Aus heutiger westlicher Sicht kann auch gesagt werden: Stehen ist faszinierende Faszien-Arbeit. Die Faszien sind für die Stabilität und Agilität verantwortlich.

Kann ich das auch an der Bushaltestelle machen, ohne dass mich die Leute für verrückt halten?

Den daoistischen Weisen, der an der Bushaltestelle steht, kümmert es nicht, ob man ihn für verrückt hält, im Gegenteil. Im Daodejing steht, dass der durchschnittliche Mensch an der Bushaltestelle sich über das Dao lustig macht. Es ist also eher ein gutes Zeichen, für verrückt gehalten zu werden. Die Frage stellt sich vielmehr: Was und wer möchte ich sein? Ein Bushaltestellen-Schweizer oder ein daoistischer Weiser?

Da fühle ich mich ertappt.

Wahrscheinlich fühlen sich da viele ertappt. Aber im Ernst: Im Stehen geht es um die Grundstruktur, um eine gesunde Haltung, um ein Aufgerichtetsein, das von innen kommt. Hast du dir die dafür nötigen Kompetenzen angeeignet, kannst du das überall und jederzeit üben und integrieren. Selbst im Sitzen.

Hand aufs Herz: Liegen ist schon angenehmer als Stehen, oder?

Ich finde Liegen auch angenehmer, wenn ich schlafen möchte. Wenn ich meine Haltung, mein Aufgerichtetsein und meine wachsame Aufrichtigkeit kultivieren möchte, ziehe ich das Stehen vor. Am See oder am Meer zu liegen ist ganz ok. Aber am See oder Meer zu stehen, vielleicht noch mit der Hand auf dem Herzen – das ist eine wundervolle Sache, die mich bis in meine Wurzeln nährt.

Danke, Martin!


Martin Schmid hat 1988 mit Taiji begonnen. QiGong war für ihn am Anfang eher eine Aufwärm-Übung. «Erst später wurde daraus für mich eine Disziplin mit ganz eigenen Qualitäten», so Martin. Mittlerweile übt Martin sowohl Taiji als auch QiGong, auch Tanz und dem Yoga. Martin führt seine eigene Bewegungsschule, die Golden River School of Integral Movement. Und wenn er sich einmal nicht bewegt? «Dann komponiere ich entweder Musik für Bewegung oder schreibe Bücher über Bewegung.»

https://www.heilpraktikerschule.ch/newsroom/news-detail/news/2015/11/05/stehen-fuer-innere-staerke