Bereit zum Absprung

Ebikon, 16. März 2022 – Was ist typisch Frühling aus Sicht der TEN, TCM und des Ayurveda? Drei DozentInnen antworten.

Frühling. Neugier. Ein Neuanfang? Da kribbelt es: «Nicht länger eingeschränkt, sondern unbändig, vorwärtsstrebend», so TCM-Therapeutin Ursula Wihler. Foto: Unsplash

Ursula Wihler, dipl. Heilpraktikerin TCM

TCM-Frühling? Das ist die Energie des Holzes. Das ist der Keim, der durch die Erde bricht, das ist der Saft, der in den Bäumen steigt. Das zarte Grün, das Spriessen. Es ist das Kreative, Neue, das Zeit hatte, in der Ruhe des Winters für genau diese Prozesse alle Kraft zu sammeln. Und sei es den Asphalt zu durchbrechen, allen Widerständen zum Trotz, dem Licht entgegen. Es ist der General, der alles in Bewegung setzt für sein Ziel. Es ist Dynamik und die Bewegung, die die Stagnation, das Eis durchbricht. Es will wieder fliessen. Nicht länger eingeschränkt, sondern unbändig, vorwärtsstrebend. Dem Sommer entgegen.

Anja Berger, Heilpraktikerin und medizinische Ayurveda-Spezialistin, REAA-Dozentin

Frühling ist Kapha-Zeit, was bedeutet, dass die Elemente Erde und Wasser die Oberhand gewinnen. Wie in der Natur mit der stärker werdenden Sonne Eis und Schnee zu schmelzen beginnen, so verflüssigt sich auch das im Winter angesammelte kühle und träge Kapha im Körper und kann nun zu gesundheitlichen Problemen führen. Diese sind geprägt von den Kapha-Eigenschaften wie schwer, kalt und schleimig und treten unter anderem als laufende Nase, Erkältung oder Frühjahrsmüdigkeit in Erscheinung. Dies gilt es in der Ernährung auszugleichen: «Leicht, warm und grün», lautet das Motto für das Frühjahr. Das heisst, leicht verdauliche, warme Mahlzeiten, wärmende und die Verdauungskraft, Agni, stärkende Gewürze wie Ingwer und Pfeffer. Und grüne, bittere Gemüse und Frühjahrskräuter helfen zusätzlich, Kapha zu regulieren.

Paul Hänni, Naturheilpraktiker mit eidg. Diplom, TEN-Dozent

Blutreinigung beim Staubsaugen
Ich bin am Staubsaugen. Im Kopf das Mail von der Heilpraktikerschule von der Veronika. Sie will wissen: Was ist typisch Frühling aus der Sicht der TEN?

Ja, denke ich mir, das ist doch ganz einfach: die Blutreinigungskur. Ich stelle die Küchenstühle wieder an ihren Platz.

Die sogenannte Blut- und Säftereinigung im Frühjahr, also die Ausleitung von Störungsstoffen, gehört zu den ältesten Erbstücken der TEN. Angesammelt im Organismus haben sich diese Stoffe über den Winter. Jetzt geht’s raus damit.

Vor jedem Neuanfang steht das Loslassen des Alten. Die Befreiung von dem, was schon lange ausgeschieden werden sollte.

Danach kann der Körper die Lebensenergie des Frühlings tanken und sich aufbauen, und er schöpft daraus das ganze Jahr über Kraft, Energie, Gesundheit.

Ja, der Frühling. Schon sind die Teppiche voller Katzenhaare, lästig fest hängen sie da drin. Die Tiere wechseln das Fell und die Menschen verändern ihren Stoffwechsel.

Nur haben wir eben kein Fell mehr, nur die Frühjahrsmüdigkeit haben wir, und zwar durch die Schlacken und das Melatonin. Das Schlafhormon hat sich durch den Winter im Blut angesammelt und ist da immer noch.

Weg mit all dem, dann kommen auch die Frühlingsgefühle.

Bewegung
Staubsaugen kann ganz schön anstrengend sein. Vor allem, wenn man die Bürste aufs Saugrohr gesteckt hat und versucht, damit die Katzenhaare aus dem Teppich zu saugbürsten – das geht schon unter Sport. Gut, dass ich daran denke, das ist wichtig: Bewegung.

Auch du musst dich bewegen: Bei jeder therapeutischen Anwendung ist Bewegung wichtig, damit die mit Schlacke beladenen Humores in Umlauf bleiben und so den «Dreck» zu den Organen der Ausscheidung transportieren können. Bewegung gehört zum Feuerelement und fördert den Zutrieb zur Peripherie. Durch die Bewegung lockern sich Schlacken aus dem Gewebe. Das funktioniert nicht einfach durch Trinken eines Tees, durch Lutschen einer Tablette, durch Sitzen auf dem Sofa – so bekomme ich nichts raus aus dem Organismus. Es braucht Bewegung.

Eisen
Und wir brauchen Eisen. Im Blut, für den Sauerstofftransport. Es kräftigt das Blut, es tonisiert. Wir finden es jetzt im Frühjahr in den jungen Brennnesseln. Sobald die Brennnesseln reich an Eisen sind, sieht man das an ihren Stängeln, sie sind dann richtig rot davon.

Für Leute mit Eisenmangel: Sammelt die Brennnesseln im Frühjahr, dann trocknen und das ganze Jahr als Tee geniessen oder Brennnesselsaft daraus herstellen. Zudem ist die Brennnessel ein exzellentes Kraut, um Schlacken zu binden und sie über die Nieren auszuscheiden. Dazu auch als Tee oder Saft einnehmen, wie du magst.

Und Löwenzahn. Grossartig! Er verfügt über ein Eisen, das dein Körper direkt aufnimmt. Im Frühjahr ist er besonders zu empfehlen, er regt die Ausscheidung über Leber und Niere an. Ein Löwenzahnsalat? Im Frühjahr sind die Blätter noch nicht so bitter – also los. Am besten auf den Friedhof, da ist der Löwenzahn «Hundepisse-frei». Den Salat noch ergänzen mit Pellkartoffeln und kleinen, angebratenen Speckwürfeln – wunderbar!

Haut
Der Frühling, übrigens, hat auch mit dem Thema Abgrenzung zu tun. Und somit mit der Haut. Da denke man auch mal an Holunder- und Lindenblüten. Sie steigern den Zutrieb zur Peripherie, fördern auf diese Weise die Entschlackung über die Haut. Auch das Hautbürsten ist eine gute Unterstützung, um den Zutrieb zur Haut zu intensivieren. Am Morgen raus aus dem Bett und als erstes die Haut bürsten. Das macht auch wach.

Lieblingspflanzen
Ach, Frühling. Bärlauch. Spargel. Gundelrebe – super, eine meiner Lieblingspflanzen, ein toller Kehrbesen durch den Organismus, ja: Staubsauger durch den Organismus.

Dann der Giersch, dieses tolle «Unkraut». Und Huflattich und Schlüsselblume, um den zähen Winterschleim zu lösen. Die jungen Birkenblätter bzw. der Birkensaft, welche die Nieren zur Ausleitung unterstützen, da sie sie drastisch anregen, ohne sie zu reizen. Nicht zu vergessen: Schafgarbe, Grosse Klette, Odermennig, Quecke, Walnuss et cetera.

Ja, die Phytotherapie! Ohne sie gibt’s keine Blutreinigung. Schafgarbe! Spitzwegerich! Meerrettich. Und Löwenzahnsaft und Schwarzrettichsaft. Sie fördern die Neubildung von Galle in der Leber und regen den Gallefluss an.

Individualisierung
Die Blutreinigung ist wohl so alt wie die Anwendung der Kräuter in Teeform überhaupt. Es ist gute Tradition der TEN, dass man das «Organ Blut» mindestens zweimal jährlich von den Schlacken reinigt – im Frühjahr und Herbst.

Natürlich werden wir einen «Entschlackungstee» individualisieren müssen, damit er zu einer bestimmten PatientIn passt. Diese Individualisierung ist ja die Stärke der TEN-Phytotherapie, sie bleibt der BehandlerIn mit Blick auf die PatientIn überlassen.

Hier eines von vielen Basisrezepten; wie gesagt, es sollte individuell angepasst werden:
Rp.
Hb. Fumariae             50.0
Rad. Taraxaci c. hb.         30.0
Hb. Millefolii             20.0
M. f. spec.
1 Teelöffel auf 1 Tasse als Aufguss, mindestens 3 Tassen täglich, 4 Wochen lang.

Rp.: Abk. für Recipe, Nimm
Hb.: Abk. für Herba, Kraut
Rad.: Abk. für Kraut
Taraxaci: Löwenzahn
c. hb.: Abk. für cum herba, mit Kraut
Millefolii: Schafgarbe
M. f. spec.: Abk. für «misce fiat species», mische so, dass es ein Tee wird.

Sinnvoll ist es, wenn man diesen – oder einen anderen individuell angepassten Tee – als Basisbehandlung neben anderen Medikamenten oder Massnahmen einnehmen lässt. Man wird sich wundern, wieviel besser plötzlich ein Komplexmittel oder ein sonstiges Präparat hilft.

Ui, ui, ui, jetzt bin ich aber wieder weit abgedriftet. Das Thema ist ja Frühjahr. Muss mal den Staubsauger umstecken in eine andere Steckdose.

Ein Anfang. Hier sind unsere nächsten Einstiegskurse.

Ursula Wihler
Sie ist Diplomagraringenieurin, machte dann eine Ausbildung in Homöopathie, Kinesiologie, Chinesischer Medizin und Ayurveda-Therapie. Sie ist zurzeit tätig in der Praxis Arzt-Team Engiadina in Scuol und auch zu finden unter www.lebensmedizin.net und www.praxisnoreisana.ch. An der Heilpraktikerschule Luzern unterrichtet sie Klinische Therapeutik TCM, Materia Medica West-TCM und sie ist Prüfungsexpertin.

Anja Berger
Sie ist Ayurveda-Medizinerin und Dozentin unserer Partnerschule, der Rosenberg Europäischen Akademie für Ayurveda. Ihre Praxis in Baden-Baden (D): www.ayurveda-baden.de. Bei uns unterrichtet sie «Ayurveda für Frauen und stressbedingte Erkrankungen», «AyurvedaMed: Frauen- und Kinderheilkunde» und «Ayurveda: Traditionelle Gewürz- und Kräuterkunde».

Paul Hänni
Er ist Naturheilpraktiker mit eidg. Diplom, spezialisiert auf Humoralmedizin, Ausleitverfahren, Augendiagnose, Phytotherapie, Biochemie, Homöopathie und Massagen. Seine Praxis ist in Kehrsatz bei Bern. An der Heilpraktikerschule unterrichtet er zum Beispiel Phytotherapie TEN, Humoralmedizin 1 und Schüssler Mineralsalze Antlitzdiagnostik.

https://www.heilpraktikerschule.ch/newsroom/news-detail/news/2022/03/16/bereit-zum-absprung