«Es hat mich überrascht, wie gut das funktioniert»

Ebikon, 26. Mai 2020 – Dozentin Karin Stettler hat soeben das Einstiegsmodul Fussreflexzonen-Massage unterrichtet, per Livestream. Wie das geht und wo die Grenzen des Online-Unterrichts liegen: im Interview.

Hier lief der Unterricht noch «normal», dann kam der Lockdown. Karin Stettler: «So bin ich an jenem Montag auch einfach in diesen Strom gesprungen, eben in den ‘Live-Stream’.»

Seit über 15 Jahren unterrichtest du bei uns an der Schule, jetzt via Livestream, wie kommst du damit zurecht?

Jetzt, nach fast zwei Monaten, muss und darf ich sagen: Diese Herausforderung wird immer mehr zu einer richtig guten, bereichernden Erfahrung.

Und am Anfang?

Da mussten möglichst schnell gute, machbare Lösungen dasein. Alle waren bemüht, dass es trotz Corona weitergehen kann. So bin ich an jenem Montag auch einfach in diesen Strom gesprungen, eben in den «Live-Stream», wie wir das nennen. Unser Schulleiter Hein Zalokar hat uns am Samstag zuvor benachrichtigt, was uns erwarten würde.

Wie waren die ersten Livestreams?

Bei den ersten zwei Livestream-Kursen, vor dem Lockdown, durften noch drei bis vier TeilnehmerInnen im Unterricht dabei sein, das hat mich bei dieser Umstellung gut unterstützt. Danach durfte ich nur noch mit einer AssistentIn, unter Einhalten der Hygienemassnahmen unterrichten. Von Mal zu Mal fühlte ich mich besser. Spannend ist, dass die aktive Teilnahme, die Präsenz und die Verbindung mit den StudentInnen zuhause für mich fühlbar ist. Durch ihre Aufmerksamkeit, ihr Interesse und ihre Fragen gestalten sie mit mir den Unterricht weiter, obwohl ich sie nur auf dem Laptop sehen kann und einige von ihnen noch gar nicht persönlich kenne. Das hat mich wirklich überrascht, wie das auf diese Weise wunderbar funktioniert. 

Du stellst dich vor eine Kamera, der Raum bleibt leer. Wie fühlt sich das an?

Dass noch eine AssistentIn mit mir im Unterrichtsraum sein durfte, fand ich sehr unterstützend. Sie hat auch den Unterricht mitgestaltet und mich technisch unterstützt, wenn ich etwas ins Schleudern kam. Dafür bin ich sehr dankbar, denn plötzlich bekommt die Form des Unterrichts eine neue Dimension. Es tauchen anfänglich schon Gedanken auf wie: Nun hören und sehen mich Menschen, die ich nicht sehen kann. Menschen in ihrem Umfeld schauen vielleicht auch rein, die Schulleitung kann auch „einsitzen“, die anderen DozentInnen können auch teilnehmen – hoffentlich klappt das gut. Ja nicht den Faden verlieren, die Kamera läuft, und und und.

Das hat sich dann gelegt?

Ja, mit der Zeit ergab sich ein natürlicher Umgang. Da ich mit Livestream keinen direkten Kontakt, zum Beispiel über die Augen, herstellen kann, verändert sich meine Art der Konzentration mehr auf das Hören, auf die Stimmen oder ich schaue im Chat, was noch gefragt wird. Die Sinne werden anders gebraucht und eingesetzt, manchmal muss ich durch die technischen Verzögerungen etwas warten. Jetzt sitze ich meistens vor dem Laptop oder ich zeige Folien, zeichne ein, erkläre. Das ist einfach eine andere Situation und Stimmung, als mit zwanzig Menschen im Raum zu sein, die auch untereinander in Kontakt sind und aufeinander einwirken. Das fühlt sich anders an, auch gut, aber auf andere Art.

Wie ist es mit den Reaktionen?

Ich kann die Reaktionen weniger beobachten, aber ich kann sie trotzdem erkennen. Und vor einer Kamera zu stehen ist eine gute Übung, finde ich, die eigene Sicherheit und der Selbstwert werden etwas geprüft. Doch im Wissen, dass da tolle, interessierte Menschen zuhause eingeschaltet haben, um etwas zu lernen und lebhaft teilzunehmen, gibt Mut und Motivation, das Beste zu geben.

Gerade kürzlich hattest du Fussreflexzonen-Massage unterrichtet, eine praktische Methode. Geht das online?

Die Kamera lässt sich gut positionieren, und so können wir den praktischen Teil, also das Vorzeigen der Massagetechniken, sehr gut einstellen und vermitteln, finde ich. Im normalen Unterricht nutze ich bei grossen Klassen ja auch den Elmo, damit ich die Massage auf die Leinwand projizieren kann. Gut, es hat im normalen Unterricht mehr Spielraum: Die KursteilnehmerInnen können selbst näherkommen und alles 1:1 anschauen. Trotzdem finde ich, dass es online überraschend gut klappt. Natürlich ist es wichtig, dass nun auch das Online-Gelernte zuhause möglichst direkt umgesetzt und geübt wird, während des Lockdowns ging das mit Mitgliedern desselben Haushalts.

Was ist nicht so gut?

Die Reaktionen der Person, die sich die Füsse vor der Klasse massieren lässt, lassen sich virtuell nicht so gut wahrnehmen. Es sind ja oft sehr feine Reaktionen. Ich denke, wenn man direkt teilnehmen und mitschauen kann, entstehen mehr Fragen.

Das hängt wohl auch mit der direkten Erfahrung zusammen?

Ja, mit der Berührung und mit dem Berührt-Werden. Also vertraut werden mit den Füssen, Sicherheit gewinnen, andere spiegeln und sich selbst spiegeln lassen, die FRZ-Therapie selbst erfahren, darauf reagieren und miteinander im Austausch lernen, usw. Durch die Massage, und das ist bei allen Körpertherapien so, werden ja auch Reaktionen ausgelöst, und das sind ja nicht nur physische. Da kommen auch im Unterricht wichtige Prozesse ins Fliessen, die ernst zu nehmen sind und die ich als Dozentin so gut wie möglich im Moment begleite. Diese Eigenprozesse sind ein wichtiger Teil des Unterrichts für angehende TherapeutInnen. Und ich finde es wichtig, dass ich als Dozentin weiterhin im praktischen Teil da sein, korrigieren, direkt lehren und kommunizieren kann, wenn die StudentInnen massieren. Das kann man nicht wirklich ersetzen und fällt beim Livestreaming weg.

Dein Fazit also hinsichtlich Livestream für praktischen Unterricht?

Dieser Unterricht funktioniert überraschend gut, es braucht aber irgendwann das Üben vor Ort, schon zur Selbsterfahrung. Deshalb gibt es ja dann für praktische Kurse auch noch Übungstage, sobald das möglich ist.

Corona, eine aussergewöhnliche Zeit. Was möchtest du persönlich mitnehmen, was bleibt dir in Erinnerung?

Die Corona-Zeit zeigt mir, in welch grossen Abhängigkeiten, Ablenkungen und Geschwindigkeiten wir leben, auch in wie vielen künstlich erzeugten und unnatürlichen Bedürfnissen. Durch die erzwungene Stilllegung vieler Aktivitäten und dieser Entschleunigung komme ich wieder in Berührung mit der Einfachheit, mit dem Wesentlichen und den Grundbedürfnissen des Lebens überhaupt.

Eine wichtige Zeit, also?

Ja, ein sehr wertvoller Prozess: eine Zeit der Rückbesinnung und der Reflexion, finde ich. Es fanden ja trotzdem viele unvorhergesehene, spontane Begegnungen und Aktivitäten im kleinen Rahmen statt, die mich berührten und bereicherten. Gleichzeitig verlangt diese Situation eine neue Flexibilität und eine kreative Einstellung sowie ein Bewusstsein für sinnvolle Veränderungen und Ausrichtungen in allen Lebensbereichen. Und zwar heute, nicht erst morgen. Und da gibt es auch Hoffnung: Wenn es uns Menschen und den Regierungen schon möglich ist, so schnell solch drastische Veränderungen vorzugeben, so sehe ich Potenzial für ebenso schnelle, segensreiche Veränderungen, die zum Wohle aller Menschen, Tiere, Pflanzen und der ganzen Natur sein sollten. Sprechen wir nicht alle schon lange davon, dass alles miteinander verbunden ist? Spätestens jetzt, in dieser Zeit, machen wir durch ein globales, kollektives Ereignis eine tiefe Erfahrung, die uns Menschen mit allem und allen verbindet. Ein ganzheitliches, naturbezogenes, intelligentes Denken und Fühlen, Weitsicht, Nachhaltigkeit, bewusstes Sein und spirituelle Weisheit bringen uns hoffentlich wieder in ein Gleichgewicht. Ein Bildungsort wie die Heilpraktikerschule Luzern ist und bleibt ein Leuchtturm und wegweisend in Zeiten von Entgleisungen, die wir nun global durchschreiten.

Danke für das Gespräch, Karin.

Ja, gern, Veronika, lass mich das noch sagen: Die Schulleitung und das Team der Heilpraktikerschule haben innert kürzester Zeit alles Technische für den Livestream eingerichtet und vorbereitet, sodass wir DozentInnen nahtlos weiterunterrichten konnten. Das war einfach unglaublich, kaum zu fassen, wie sie das anstellten – Hut ab. Ich finde es grossartig und möchte hier meinen grossen Dank aussprechen, dass es dadurch möglich wurde, weiterzuarbeiten und die Unterrichtstrukturen aufrechtzuerhalten.



Karin Stettler ist Fussreflexzonen-Therapeutin, führt eine eigene Praxis in Luzern und ist auch Autorin, zum Beispiel «Der Weg in die Freiheit»: www.corunda.ch


An der Heilpraktikerschule Luzern unterrichtet Karin Stettler die Module Fussreflexzonen-Massage, Pränatalarbeit und Metamorphose, Organsprache der Füsse, Psychozon-Massage am Fuss, Reflektorische Lymphdrainage und sie ist Prüfungsexpertin.