Ernährung ist Zentrieren und Sich Achten

Luzern, 23. März 2012 – Immer mehr Leute leiden unter Burnout. Susanne Peroutka zeigt in ihrer Weiterbildung, wie TCM-TherapeutInnen ihren PatientInnen wieder zu Lebensfreude und Tatkraft verhelfen können – mit der richtigen Ernährung.

Burnout ist in aller Munde. Immer mehr Leute sind ausgebrannt, können sich nicht mehr motivieren. Sie mögen einfach nicht mehr, nachdem sie viel zu lange viel zu aktiv waren. Burnout kann jeden treffen, beileibe nicht nur Führungskräfte, sondern die ganz normalen MitarbeiterInnen.

Was uns TherapeutInnen dabei oft entgeht: Wir selber sind genauso Burnout gefährdet. Denn nicht nur in der Industrie, im Handel und im Gewerbe lauert der Burnout, sondern auch in pflegenden Berufen: ÄrztInnen, Hebammen, Pflegefachpersonen und TherapeutInnen aller Methoden sollten sich besonders gut vor Burnout schützen.

Wie TCM-TherapeutInnen ihren PatientInnen bei Burnout helfen und sich selber vor Burnout schützen, zeigt Susanne Peroutka in ihrer Weiterbildung TCM-Ernährung für Burnout-PatientInnen. Im Vorfeld hat Susanne schon ein paar Fragen beantwortet:

Susanne, in der Schweiz haben wir soeben über sechs Wochen Ferien abgestimmt. Auch wenn es bei den vier Wochen geblieben ist: Wären mehr Ferien die richtige Antwort auf Burnout gewesen?

Mehr Urlaub schützt nicht notwendigerweise vor Burnout. Möglicherweise wäre dann die Folge so etwas Paradoxes wie ein UrlaubsBurnout. Vielmehr geht es darum, im Gleichgewicht der Balance zu leben – und zwar täglich.

Was bedeutet das?

Konkret heisst das, nach einer aktiven Phase möglichst bald durch eine Phase der Entspannung für einen Ausgleich zu sorgen. Dazu ist es nötig, den Alltag entsprechend zu gestalten. Denn Arbeitsüberlastung, Beziehungsstress, Zeitdruck, et cetera werden nicht einfach durch mehr Urlaub entspannt. Richtigen Schutz vor Burnout bietet vielmehr die Gestaltung des Alltags.

Und wie gestalte ich meinen Alltag?

Wichtig sind Pausen und Phasen der Ruhe. So kann man innehalten und einen Dialog mit sich selbst führen. In diesem Dialog kann man prüfen: Bin ich noch selbstbestimmt oder werde ich getrieben? In der TCM heisst es,  wenn der Mensch im Gleichgewicht von Yang, also Aktivität, und Yin, also Entspannung ist, kann das Qi fliessen, die Organe werden mit Qi, Blut und Säften versorgt. Der Mensch ist gesund. In den Alltag übersetzt: Tag für Tag braucht es Pausen zur Entspannung, zur Reflektion, zur Rückbesinnung. Das ist eine wertvolle Zeit für persönliche Wertigkeiten: Zeit für sich, Zeit auch, um sich Gutes zu tun. Pausen sorgen auch für Kreativität und für Bewegung und lassen einen wieder kurz zu Atem kommen.

Was genau ist Burnout? Gibt es eine Definition?

Bei den meisten Definitionen von Burnout fällt auf, dass das Schwergewicht auf Arbeitssituationen und beruflicher Leistung liegt. Soziale Aspekte wie Familie, Freunde, Freizeit, Sport, Erholung, et cetera werden weitestgehend vernachlässigt. Ich denke, dass das Leben mit der Familie, den Freunden und die Freizeitgestaltung auch einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen hat. Das alles kann Regeneration und Quelle für Erholung sein – aber auch die Gefahr des «Freizeit-Burnouts» bergen. Denn – gerade wenn man an Familien oder an gewisse Freizeitaktivitäten denkt – kommt es auch hier zu allzu hohen Erwartungen und Überlastungen. Und in der Folge zu Burnout.

Zu hohe Erwartungen?

Ja, aus Sicht der TCM kann Burnout durch die unterschiedlichsten Ungleichgewichte bzw. Syndrome mitverursacht werden, längst nicht nur körperliche. Deshalb gefallen mir folgende zwei Zitate. Hillert und Marwitz schreiben: «Burnout wird von Individuen erlebt, die sich in schwierigen bis aussichtlosen Lebenslagen befinden. Menschen, die sich ausgebrannt erleben.» Rotraud Perner schreibt in Der erschöpfte Mensch: «Burnout ist keine Krankheit, sondern eine gesunde Reaktion auf ungesunde Zustände.» Das entspricht ganz der TCM. Zu betonen ist sicherlich die Individualität, denn aus Sicht der TCM ist Individualität wichtig, und so spielt der individuelle persönliche und emotionale Umgang eine wichtige zusätzliche Rolle. Emotionen haben nämlich einen starken Einfluss auf unsere Organfunktionen. Es macht einen Unterschied, ob die Emotionen ausgelebt werden oder unterdrückt. Ernährung kann hier ein guter ausgleichender Faktor sein.

Welche Rolle spielt bei Burnout die Ernährung?

Eine entscheidende Rolle. Ernährung ist Zentrieren. Sich Achten. Spüren, was gut tut. Beim Essen werden die Sinne geweckt, sie leben wieder auf, das Riechen und Schmecken. Und Kochen ist ja kein seelenloser Vorgang, vielmehr entwickelt sich auch Kreativität beim Kochen. Es geht darum, Phantasien und Visionen zuzulassen. Übrigens spürt man gerade bei qualitativ hochwertiger Ernährung, dass sie ausgleicht: Sie gibt einerseits wieder Kraft, also Yang, und andererseits päppelt sie die Nerven auf, bezieht sich also auch aufs Yin. Eine Yin-YangBalance kann mit Hilfe der individuellen, konstitutionell passenden Ernährung also durchaus wieder eintreten. Nahrung ist ja unser Energielieferant, unsere Quelle für die Fähigkeit, uns zu entspannen, gut zu schlafen Gelassenheit zu entwickeln. Wieder Freude und Neugierde am Leben haben.

Wie sieht die richtige Ernährung nach TCM aus?

Optimal ist es natürlich, die Ernährung individuell anzupassen, d.h. nach einer Diagnose die passenden Nahrungsmittel, Getränke und Speisen zu empfehlen, um die Folgen der Syndrome zu beheben. Generell wäre es gut, auf folgende Punkte zu achten: in Ruhe und entspannter Atmosphäre zu essen und zu geniessen; Nahrungsmittel und Getränke von guter Qualität, möglichst ohne Konservierungsstoffe; regional und saisonal zu kochen; verschleimende Nahrungsmittel, Speisen und Getränke zu vermeiden; allzu stark austrocknende Nahrungsmittel wie Reiswaffeln, Geräuchertes, scharfe Gewürze, Kaffee und Rotwein möglichst zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten.

Wie hilft diese Ernährung bei all diesen schwerwiegenden Stressfaktoren moderner Arbeit, in die die meisten unserer PatientInnen eingespannt sind?

Ja, ständige Erreichbarkeit, Termindruck, hohes Arbeitstempo, mangelnde Wertschätzung, fehlende Arbeitsplatzsicherheit – wenn man in diesem Hamsterrad steckt, ist es natürlich schwierig, den Weg raus zu finden. Und oft kommen da ja noch die hohen Erwartungen des Partners dazu, der Familie, der Freunde. Aber gerade da ist es wichtig, dass wir TherapeutInnen ganz individuell auf unsere PatientInnen eingehen. Also uns exakt auf ihre Erfahrungen, Vorlieben und persönlichen Emotionen einstellen. Das hilft, und unterstützend ist natürlich herauszufinden, was machbar ist, ohne dass dabei zusätzlicher Druck oder Stress ausgelöst wird.

Zum Beispiel?

Für viele Leute ist es ganz gut, in kleinen Schritten zu beginnen und vorerst nur das Frühstück umzustellen. Oder ihnen zu helfen, die Mittagspause für sich zu nutzen und etwas Leichtes zu essen. Nicht am Schreibtisch ein Weckerl zu schlingen. Und manchmal hilft es schon, dass die PatientIn jemanden findet, der oder die den Einkauf und die Zubereitung übernimmt.

Ist es nicht ein zusätzlicher Stress, abends noch das Essen für den nächsten Tag vorzubereiten – statt sich zu entspannen?

Oft sitzen die Leute ja abends vor dem TV oder erledigen noch ein Übermass an Sport. Es ist fraglich, ob man sich beim Fernsehen oder bei diesem Sport-Übermass wirklich entspannt. Sicherlich ist es besser, spazieren zu gehen, QiGong oder Yoga zu betreiben oder einfach innezuhalten. Eine gute Mahlzeit zuzubereiten kann eine komplett entspannende Wirkung haben, wenn man alle Sinne einsetzt. Es geht ja nicht unbedingt um zeitintensive Zubereitungen, sondern darum, je nach Fähigkeit, Erfahrung und Lust etwas Kreatives und Bekömmliches zuzubereiten.

Wie machst du das, dass das deine PatientInnen einsehen?

Ja, das ist nicht immer leicht. Aber die Aussicht auf Besserung macht den Einstieg oft einfach. Die PatientInnen haben ja die Hoffnung, wieder mehr Lebensqualität zu erhalten, die Symptome zu minimieren oder sogar zu beenden, und wenn sie merken, dass da tatsächlich etwas besser wird, machen sie wirklich gut mit. Ich berücksichtige immer die jeweilige Ausgangsposition einer PatientIn. Gemeinsam entsteht dann eine realistische Strategie – ohne den Genuss und die Freude zu vernachlässigen. Wenn es gelingt, fünf bis zehn Tage einigermassen auf die Ernährung zu achten sowie ausreichend Ruhephasen und Bewegung in den Alltag zu integrieren, bessert sich die Lebensqualität oft schon wesentlich, und das überzeugt meine PatientInnen. Dann gilt es, dran zu bleiben, und die Motivation, dran zu bleiben, ist jetzt deutlich höher.

Viele können gar nicht mehr richtig abschalten und schlafen dann zu wenig lang oder zu wenig gut. Inwiefern hilft TCM-Ernährung, gut zu schlafen?

Ja, Schlaf ist sehr wichtig. Auch hier gibt es die passenden Nahrungsmittel und leicht zuzubereitende Gerichte und Getränke, um runterzukommen, wie man sagt. Suppen zum Beispiel sind ideale Seelenschmeichler und Kraftspender. Kleine Rituale helfen ebenfalls, wie z.B. Entspannungs- oder Atemtechniken. Und dann ist es gut, nach 18 Uhr möglichst keine Geschäftsbesprechungen mehr zu haben oder Bildschirmtätigkeiten nachzugehen.

Für etwas zu brennen, das ist ja eigentlich gut: Man fängt Feuer für etwas und gibt alles dafür, z.B. ein Thema zu durchdringen. Oft wird so auch dieser Flow erreicht, ein Zustand, in dem man alles vergisst und eins ist mit dem Thema. Führt auch dieses Brennen, dieser Flow ins Burnout?

Begeisterung, Einsatz, Empathie ist für das Gelingen eines Projektes ganz wichtig. Trotzdem: Man muss dabei auf sich achten und immer wieder innehalten, das schützt vor dem Ausbrennen. In China gibt es seit Beginn der TCM den Begriff Yang Sheng: «Gesundheit und Wohlbefinden könnt Ihr nur erlangen, wenn Euer Geist in der Mitte ruht, wenn Ihr Eure Energie nicht vergeudet und den Fluss von Qi und Blut konstant haltet, wenn Ihr Euch den jahreszeitlichen Veränderungen und den jährlichen makrokosmischen Einflüssen anpasst und vorbeugend Euer Selbst nährt!»

Für wen ist deine Weiterbildung «TCM-Ernährung für Burnout-PatientInnen» geeignet?

Für alle, die ihren PatientInnen zu einer Ernährung verhelfen möchten, die die Lebensfreude unterstützt und Burnout verhindert. Besonders natürlich für TherapeutInnen, die Burnout-PatientInnen noch zielgerichteter behandeln möchten. Und gerade Personen aus helfenden Berufen sind ja besonders anfällig für Burnout. So ist es mir ganz wichtig, den TherapeutInnen selber zu zeigen, wie sie sich vor einem Burnout schützen können. Denn wie sagt das asiatische Sprichwort: «Nur wer genug hat, kann gut weitergeben.»

Besten Dank, Susanne.