«Es reicht nicht, nur das Oberflächige und Naheliegende zu betrachten»

Luzern, 10. August 2012 – Eine genaue Diagnose ergibt sich manchmal erst während der Behandlung, sobald nämlich einige Aspekte der Krankheit therapiert sind. Mit der Diagnose stellt sich dann die Frage nach der richtigen Therapiemethode. Gerd Wiesemann, Ph.D. TCM, zeigt in seiner Weiterbildung «Schmerzbehandlung in der TCM», wie TCM-TherapeutInnen die vielen Diagnosemöglichkeiten zielorientiert nutzen und über die Diagnose zur richtigen Therapieform finden.

Büro: Sitzen. Auto: Sitzen. Fernseher: Sitzen. Internet: Sitzen. Und am Wochenende raus, aber richtig: in den Wald, auf die Berge, am besten als Marathon. Unsere Lebensweise macht es unseren Körpern nicht leicht – und auch dem Geist nicht. Schmerzen, das wissen TCM-TherapeutInnen, kommen nicht nur daher, dass man irgendwo sein Knie stösst. Das Zuwenig an Bewegung ist genauso schädlich wie das Zuviel, und auch Emotionen haben ihre Wirkung.Für TherapeutInnen ist es jedoch nicht immer leicht, im Dickicht der Symptome die richtige Diagnose zu stellen. So müssen oftmals in einem ersten Schritt einige Aspekte der Krankheit therapiert werden, um in einem zweiten Schritt zur richtigen Diagnose zu kommen. Und die weist dann den Weg zu derjenigen Therapieform, die der PatientIn entspricht.

Im Interview antwortet Gerd Wiesemann auf Fragen rund um seine Weiterbildung «Schmerzbehandlung in der TCM».

Gerd, viele TCM-TherapeutInnen dürften PatientInnen haben, die unter unspezifischenRückenschmerzen leiden, also unter Schmerzen, die nicht erklärbar sind. Welche Erfahrungen hast du mit solchen PatientInnen gemacht? Hilft da die TCM?

Ja, das stimmt, auch in meiner Praxis gibt es viele solcher PatientInnen. Doch sind diese Schmerzen aus der Sicht der TCM erklärbar, und wir können diesen PatientInnen meistens auch helfen. Im Fall von Rückenschmerzen – ob im Bereich ISG, in der LWS, der BWS oder in der HWS – reicht es nicht, den Rücken isoliert anzusehen. Wir müssen die PatientInnen vom Scheitel bis zur Sohle betrachten und vor allem betasten. Gibt es Fehlstellungen? Fuss oder Knieprobleme? Gibtes ein kurzes Bein oder eine schiefe Hüfte? Gibt es irgendwo eine Blockierung? Wo ist die Muskulatur zu hart oder zu weich et cetera. Solche «Kleinigkeiten» werden sehr oft beim Blick durch die Apparate übersehen.

Und was hilft?

Hier helfen oft schon die heilenden Berührungen mit den Händen wie z.B. Shiatsu, Tuina, Anmo, osteopathische Techniken. Äusserst sinnvoll ist der Einsatz von Akupunkturtechniken, der Moxibustion, des Schröpfens und/oder Schabens. Manchmal kann den PatientInnen schon mit einer einzigen Behandlung gut geholfen werden.

Eine Behandlung – und gut ist?

Sehr selten. Denn die Probleme treten erneut auf, d.h. es reicht nicht, nur das Oberflächige oder das Naheliegende zu betrachten. Die verschiedenen Körpersysteme müssen genauer durchleuchtet werden. Damit meine ich nicht nur den Muskel-, Sehnen-, Bänderapparat. Sondern wichtig ist auch das Organsystem im Sinne der TCM. Die Betrachtung von Qi und Blut, den Jin ye‘s, von Yin, Yang und dem Jing ist notwendig. Und auch die pathologischen Substanzen müssen beäugt werden.

Du siehst eine Analogie zum Baum. Was bedeutet sie?

Ja, für mich ist die Wirbelsäule mit Knochen, Sehnen, Bändern und Muskel wie ein kräftiger Baum, eine stolze starke Eiche auf einem gesunden Berg, in einer gesunden Landschaft und Umwelt. Ein Baum, der Wind und Wetter trotzt und dem selbst die Jahre nichts anhaben können. Aber was ist, wenn dieser Baum plötzlich im Morast steht und langsam zu faulen beginnt. Dann entstehen Schwächen, rezidivierende Schmerzen, Blockierungen und schliesslich, zum Beispiel, ein Bandscheibenvorfall. Hier hilft die TCM nicht nur zu diagnostizieren, sondern ihre Behandlungsmethoden sind sehr wirkungsvoll.

Was ist deine Erfahrung oder gibt es Statistiken: Nehmen Schmerzen, die wie Migräne, Nackenbeschwerden oder Rückenschmerzen mit den Bedingtheiten der modernen Welt zusammenhängen, eher zu oder eher ab?

Ich glaube diese Fragen kann jeder, ohne grossartig nachzudenken, mit Ja beantworten. Dafür brauchen wir keine Statistiken. Statistiken sind gut dafür, um zu sehen, was ich damit verdienen kann oder was es mich kostet. Orthopädische Erkrankungen stehen an erster Stelle in den Krankenkassenstatistik. Gehen Sie mal zur OrthopädIn, versuchen Sie mal, einen Termin zu kriegen. Befreundete TherapeutInnen haben sich rein auf Rückenprobleme spezialisiert, die Praxen sind immer voll.

Woher kommt das?

All der Druck und der Stress unserer Gesellschaft pressen auf Schulter und Rücken: zu viel sitzende Tätigkeit, nicht nur im Büro oder im Auto zur Arbeit, sondern anschliessend vorm Fernseher oder vorm Internet. Dazu Mangel an Bewegung oder ein Übermass an Bewegung bzw. körperliche Überanstrengung, zu viel Sport. Zu viel Bewegung schwächt ja die Leber. Ausserdem eine schlechte, einseitige Ernährung und nicht zu vergessen Kälte, Wind und Wetter sowie eine nicht adäquate Bekleidung. Das sind nur einige Gründe, warum irgendwann der Rückennicht mehr mit macht und nach Berührung sucht.

Welche Vorteile, z.B. gegenüber der Schulmedizin, bietet die TCM in der Schmerzbehandlung?

Es geht nicht um Vorteile. Es geht auch nicht um Ergänzungen oder Alternativen. Es geht um ein Miteinander. Während man hier im Westen oft auf Fortschritt und Weiterentwicklungen schaut und dazu tendiert, «altes Wissen» über Bord zu werfen und neue Errungenschaften zu bevorzugen, bedenkt die Chinesische Medizin bei allem Neuen die Überlieferungen, ohne im Tradierten stecken zu bleiben.

Und was ist daran besser?

Daraus entsteht eine ganz besondere Sichtweise auf die Dinge, eine spezielle Betrachtung des Menschen in seiner Umwelt. Und damit meine ich auch die «Betrachtung» der PatientIn mit den Augen und Händen und anderen Sinnen, so wie es die Chinesische Medizin schon vor 2000 Jahren gemacht hat. Alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um dem Patienten zu dienen, ist geradezu ein Grundsatz der Chinesischen Medizin. Die Apparatemedizin ist fantastisch, und wir benötigen diese schulmedizinischen Errungenschaften auch in der Chinesischen Medizin. Aber wir brauchen mehr als nur einen Blick durch Geräte und auf Laborwerte. Dies ist nur ein Teil der Medaille, sie ersetzt nicht die verschiedenen Sinne des Menschen. Auch die aussergewöhnlichen und einzigartigen Therapiemöglichkeiten entstanden aus diesem besonderen Denken der Chinesischen Kultur, und sie werden heute nach wie vor so eingesetzt wie vor 2000 Jahren, jedoch mit einer deutlichen Verfeinerung der Gerätschaften und Methoden.

Schmerzen entstehen, wenn Blut und Qi nicht mehr richtig fliessen. Wie kommt es dazu?

Die einfachste Situation entsteht bei einem Unfall, bei einer Verletzung. Qi und Blut werden in ihren Fluss gehemmt bzw. blockiert. Eine lokale Schwellung, eine Hyperämisierung und Schmerzen sind die Folge. Die Behandlung mit Eis betäubt vorübergehend den Schmerz, verstärkt aber die Blockierung im Innern. Auch ein emotionales Ungleichgewicht lässt das Qi stagnieren und später auch das Blut. Unzufriedenheit, Frust, auch Ärger und Wut, Verbitterung und Ungerechtigkeitsgefühle verknoten den Energie-Fluss im Körper. Einige schreien ihren Ärger heraus, aber die meisten halten ihn fest.

Und das hat Folgen?

Ja, zum Beispiel Magenschmerzen, Bauchschmerzen, gynäkologische Beschwerden. Steigt das blockierte Qi nach oben, entstehen Nacken- und Schulterschmerzen, Kopfschmerzen und Migräne. Das alles passiert in den Energiebahnen und Blutgefässen, die den Körper wie ein Strassennetz durchziehen. Und kommt es zu ungewöhnlichen Wetterverhältnissen, führt das auf diesen Strassen zu Unfällen. Aber auch Wind, Kälte, Nässe und Hitze greifen den Körper an. FragenSie mal einen Rheumakranken nach Wetterveränderungen.

Wenn das Knie schmerzt, behandelt man dann das Knie?

Zunächst ja, denn da, wo es weh tut, sitzt die Blockierung. Hier müssen wir öffnen und durchgängig machen, sei es mit Akupunktur Moxa, mit Einreibungen von scharfen aromatischen Ölen, mit Kräuterpflastern oder was auch immer. Oder wir brauchen Kräuter, die genau auf diesen Ort einwirken. Dies ist schon eine sehr wichtige Massnahme. Aber die Frage, die uns dann weiterbeschäftigt, ist die Frage nach der Ursache dafür, dass es hier oder dort weh tut. Bin ich aufs Knie gefallen, reicht die lokale Behandlung oft schon aus. Schmerzt das Knie aber ohne äussere Einwirkung und hat zum Beispiel mit dem Älterwerden zu tun, dann brauche ich eine Behandlung, die auf Knochen und Sehnen einwirkt und kräftigt.

Hast du Beispiele?

In der TCM sind die Nieren zuständig für die Knochen oder es sind Akupunkturpunkte wichtig wie Bl 11 und Bl 23. Auch Punkte auf dem Nierenmeridian von Ni 1 bis Ni 10 könnenauf die Knochen stärkend wirken. Die Leber verwaltet Muskeln, Sehnen und Bänder, den Halteapparat, und Punkte wie Bl 17 und Bl 18 sind für die Arbeit mit Sehnen und Bändern notwendig, denn sie kräftigen das Yin, das es dazu braucht, und das Blut. Die Leberpunkte wie Le 1 bis Le 8 kräftigen, machen durchgängig, lindern Schmerzen. Der Meisterpunkt für unsere Gelenke, Sehnen undBänder ist Gl 34, und der liegt sogar schon lokal am Knie. Und schliesslich haben wir noch die Möglichkeit, mit Kräutern oder Nahrung zu arbeiten. Dies ist natürlich nur ein Beispiel.

Also Symptome und Ursachen angehen?

Ja, neben der symptomatischen und lokalen Therapie benötigen wir die therapeutische Ausrichtung auf die Ursache, also eine Differenzierung nach Yin und Yang und den Acht Kriterien, nach den Jing luo, nach den Zang Fu, nach Qi xue, Jinye, Jing, nach den Pathogenen Liu yin, Schleim, Blutstase und Toxinen, nach der Theorie der Sechs Schichten, nach der Theorie der Vier Schichten und dem San jiao. Aber auch der Pathomechanismus ist wichtig.

Wann bist du sicher, dass du die richtige Diagnose hast?

Das ist von Fall zu Fall verschieden, manchmal schon dann, wenn man die PatientIn begrüsst, auf den ersten Blick, aber manchmal erst nach vier oder fünf Behandlungen oder vielleicht auch erst später.

Woran liegt das?

Manche Fälle sind so komplex, dass man erst auf die eigentliche Ursache trifft, nachdem man ein paar Krankheitsaspekte beseitigt hat. Es kommt durchaus vor, das die Behandlung wichtiger ist als eine abschliessende Diagnose oder zumindest genauso wichtig. Das darf man natürlich jetzt nicht falsch verstehen. Nach den Untersuchungsmethoden muss ich natürlich ein Bild vor Augen, also eine Diagnose haben, die Voraussetzung also, um ein Behandlungsprinzip aufzustellen. Aber die Behandlung selbst gehört mit dazu, dass man die «richtige» Diagnose stellt.

Wie entscheidest du, welche Behandlungsform für eine bestimmte PatientIn die geeignete ist?

Es sind einige Fragen, die ich mir stellen. Was will ich machen? Was will ich erreichen bei meiner PatientIn? Wie lautet meine vorläufige Diagnose? Habe ich eine äussere oder innere Problematik, eine Fülle oder Leere, Hitze oder Kälte. Die Differenzierung nach den Acht Kriterien ist hier entscheidend. Wie empfindlich, wie schwach, wie alt oder jung ist die PatientIn. Sensible, sehr schwache, sehr alte oder sehr junge PatientInnen brauchen eine sehr sanfte Therapie. Ist das Yin stark geschwächt, dann kann ich vieleicht nicht schaben und schröpfen, möglicherweise nicht einmal die klassische chinesische Akupunktur anwenden. Hier sollte ich dann eher massieren oder die japanische Akupunktur anwenden. Und natürlich brauche ich zum Nähren der Substanz Kräuter oder zumindest eine entsprechende Ernährung.

Gerd, du hast in China studiert, bist Doktor der Chinesischen Medizin (Ph.D. TCM) und du hast auch fernöstliche manuelle Behandlungsmethoden wie Shiatsu erlernt. Woher rührt deine Begeisterung für diese Art der Medizin?

Mich hat die chinesische Kultur schon recht früh interessiert und inspiriert, vor allem durch die Kampfkünste Kungfu und Tai chi chuan, durch meine Erfahrungen mit Qi Kung und Meditation. Dies alles befasst sich ja mit der Kultivierung des Qi, und so war der Schritt zu den Heilkünsten naheliegend. Die Faszination wuchs dann zunehmend durch die Erfahrungen und Erfolge. Was mich aber besonders begeistert, das ist die Untrennbarkeit von Heilung, Philosophie, Spiritualität, Astrologie, I Ging, und auch die Besinnung auf das, was die Tradition überliefert – ich bin sehr traditionsbewusst –, ohne jedoch den Fortschritt der Moderne, der Wissenschaft zu verdammen.

Danke, Gerd, für dieses Interview.

 

Gerd Wiesemann ist Doktor der Chinesischen Medizin TCM (Ph.D. TCM) der Chinese Medical University in Hangzhou. Seit über dreissig Jahren beschäftigt er sich mit TCM, und er führt eine Praxis sowohl in Köln als auch in Bonn. Seine Ausbildungen in Tuina, Anmo, Shiatsu, Akupunktur, Chinesische Kräuterlehre und Chinesische Diätetik hat er in Deutschland, Frankreich und China absolviert. Gerd unterrichtet TCM an seinem Institut MERCURIUS, und er gibt regelmässig Weiterbildungen an der Heilpraktikerschule Luzern.