postMasunaga Shiatsu – Muster erkennen und transformieren

Luzern, 19. Dezember 2012 – Es sind Beschwerden und Symptome, die die Leute ins Shiatsu bringen, und es ist die ganzheitliche Prozessarbeit, die die Leute nachhaltig fürs Shiatsu begeistert. Diese Prozessarbeit lässt sich weiter professionalisieren. Wie Shiatsu auf höchst professionelle Weise sogar zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt, das sagt Peter Itin, Autor von Shiatsu als Therapie, im Interview.

Wie bildet sich Persönlichkeit? Mit welchen Strategien gehen wir durch die Welt? Wie können Shiatsu-TherapeutInnen helfen, wenn sich diese Strategien nicht mehr bewähren?

Peter, du scheinst mir ja ein sehr ruhiger, bedächtiger Mensch zu sein. Und doch: Tessin, Berlin, Luzern, Basel, immer unterwegs, und das mit dem Motorrad: Steckt da nicht eine gehörige Portion Ruhelosigkeit in dir?

Peter Itin: Vielleicht ist es das Sternzeichen, Zwilling. Ich bin ein fürchterlich neugieriger, vielseitig interessierter und talentierter Mensch und muss in der Tat ganz bewusst schauen, wie ich all meine verschiedenen Teile in meinem Leben und in einem Tag gut unter einen Hut bekomme. Ich nehme aber nicht Rastlosigkeit wahr, sondern sehr viel Lebenskraft, die sich ausdrücken will.

Dieses bewusste Schauen, was man unter einen Hut bekommt, und dieses In-sich-hinein-Schauen, ob sich da Rastlosigkeit oder Lebenskraft ausdrückt, scheint mir etwas mit dem Thema deiner Nachdiplom-Ausbildung zu tun zu haben, der Persönlichkeitsentwicklung?

Ja, die innere Selbstwahrnehmung wird zu einem zentralen Instrument der Shiatsu-Therapeutin. Wir «Westler» sind in den klassischen fünf Wahrnehmungs-Sinnen geschult, also im Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Und auch da sind wir tendenziell zu fokussiert – das Unterscheidende erkennend, jedoch das ganzheitlich Verbindende übersehend. Der sechste und siebte Wahrnehmungs-Sinn wird jedoch nicht kultiviert: der Geist, der in den eigenen Körper eintaucht und die inneren Empfindungen und Gefühle wahrnimmt, und der Organismus als Ganzes, der mit dem Gegenüber in Resonanz geht und spürt, was der oder die andere spürt und fühlt. Wenn ich mich «leer mache» und öffne, geht mein Organismus mit dem tieferen Bedürfnis der KlientIn in Resonanz. Meine Hände arbeiten dann intuitiv richtig, ohne dass ich in der Behandlung je in ein Zweifeln oder Nachdenken komme. Diese erweiterte Art von Wahrnehmung braucht Schulung und Erfahrung gleichermassen.

Muss ich als Shiatsu-Therapeut also zuerst meine eigenen inneren Empfindungen wahrnehmen? Was bringt das meinen KlientInnen?

Ein Zuerst gibt es nicht, auch keine Reihenfolge – alles geschieht gleichzeitig. Wahrnehmen, Behandeln und Interpretieren der Reaktionen sind ein ungetrenntes Eins: Aus Infoaufnahme, Bearbeitung und Evaluation wird eine einzige Einheit. Die Behandlung wird zum «Flow». Ich behandle nicht Symptome, die Behandlung geht darüber hinaus: Ich gehe mit dem Wesenskern des Menschen in Resonanz und unterstütze ihn als Ganzes – in seiner körperlichen, emotionalen und seelischen Situation. Die Wirkung ist damit sehr tiefgehend. Es kann z.B. sein, dass sich eine bisher unterdrückte Trauer endlich zeigen darf. Diese Woche berichtete mir eine Klientin, dass sie nach meiner Behandlung weinen musste, und dass dieses Weinen heilend und befreiend war.

Kannst du deinen Kopf immer einfach so abstellen, dass du diesen Flow erreichst, also diese Gleichzeitig im Wahrnehmen, Behandeln und Interpretieren?

Nobody is perfect. Indem ich mich bemühe, während der ganzen Behandlung hindurch im Moment zu sein, also vollkommen präsent und achtsam, nehme ich auch wahr, ob ich plötzlich ins Tun und Wollen komme oder ob meine Gedanken gar woanders hin abschweifen. Mein Kopf ist zwar nicht leer, er ist bloss nicht dominant, nicht fortlaufend planend. Mein Geist registriert aber ununterbrochen, welche Empfindungen, Gefühle, Gedanken und Bilder in mir hochkommen. So kann es z.B. geschehen, dass ich plötzlich das Bild von einem kleinen Mädchen erhalte, das über eine Wiese hüpft, und ich verbinde mich mit spielerischer Lebensfreude und arbeite eher expansiv, schnell und luftig. Oder ich erhalte das Bild von einem weinenden Baby, das getröstet werden will, und ich arbeite eher sammelnd und zentrierend, langsam, wärmend, nährend.

Inwiefern erlerne ich diese Fähigkeit, sozusagen im flow Shiatsu zu geben, in deiner Nachdiplom-Ausbildung postMasunaga Shiatsu?

Ich unterrichte Wissen, Fertigkeiten und innere Ausrichtung, also die Zutaten zum Menü, und biete zielgerichtete Übungen an. Das Verinnerlichen findet aber in der eigenen Praxis statt, und dieses Vorgehen hat sich sehr gut bewährt. Professionalität entfaltet sich nämlich nur als Ergebnis eines Entwicklungsprozesses. Deshalb habe ich das Modell gewählt, dass wir einmal pro Monat  einen Kurstag zusammen sind. Jedesmal werden neue Ingredienzen angeschaut, die das professionelle Arbeiten mit Shiatsu bereichern. Zwischen den Kurstagen integrieren die Teilnehmenden diese Ingredienzen in die eigene Praxis, sodass diese Praxis um eine nächste Dimension erweitert wird. Der eigene Professionalisierungsprozess verläuft schneller, effizienter und zielorientierter, wenn man eine erfahrene Person hat, die einem über eine längere Zeitphase gute Leitplanken legt. Da die Gruppen eher klein sind, kann ich die einzelnen Personen beobachten und auch individuell begleiten und anleiten. Ich selbst habe diese Art von Erfahrung in meiner eigenen Entwicklung durchlaufen dürfen. Weil ich diese Form der Fortbildung  für mich selbst als so wertvoll erlebt habe, gebe ich sie nun gerne weiter.

Was ist deine Erfahrung: Merken deine KlientInnen, ob du im flow behandelst?

Was meine KlientInnen merken ist, dass die Arbeit leicht, spielerisch, fliessend und natürlich erfolgt. Sie merken, dass die Berührung keine oberflächliche und rein physische ist, sondern sie tief bewegt, die Berührung löst innerlich etwas aus. Manche können dann auch beschreiben, dass sie während der Behandlung Farben oder Bilder sehen, oder dass sie sich nach der Behandlung leicht und weit fühlen, als ob etwas von ihnen abgefallen wäre. Oder dass sie sich sehr ruhig und sehr lebendig gleichzeitig fühlen. Und sie sagen mir, dass sie sich nicht mehr vorstellen könnten, anders behandelt oder «massiert» zu werden. Also Warnung: Es besteht Suchtgefahr!

Und deine Klientin, die nach deinem Shiatsu zu diesem befreienden Weinen gekommen ist. Ist das schon ein erster Schritt in Richtung Persönlichkeitsentwicklung?

Oh ja. Lange Unterdrücktes löst sich und gelangt endlich an die Oberfläche. Dass dies möglich ist, hängt damit zusammen, dass ich die Person als Ganzes behandle. Ich nehme in der Behandlung auch Bezug zum «inneren Kind» und seinen Bedürfnissen. Wesentliche Elemente unserer Persönlichkeit prägen sich bekanntlich in den ersten sieben Lebensjahren. Wir entwickeln als Kleinkind Strategien, um unser Herz  gegen seelische Verletzungen zu schützen, es gibt eine Vielzahl typischer «Schutz-Stile». Die diesbezüglichen Erkenntnisse der chinesischen Medizin und der westlichen Körperpsychotherapie ergänzen sich gut. Man kann mithilfe dieser Erkenntnisse typische Schutz-Stile erkennen, und dies sowohl auf der Verhaltensebene wie auch in der energetischen Ausprägung, und dann kann man mit den tiefsten Bedürfnissen in Kontakt treten. Wenn sich Altes, Verhärtetes, Abgespaltenes, Eingekapseltes, Tabuisiertes im Shiatsu löst, wird Lebensenergie frei. Wenn die KlientIn das ursächliche Muster erkennt, kann es transformiert werden. Man kann es anschauen und damit umgehen. Geh an die Orte, die du fürchtest, ist die Devise. Wir können die KlientInnen liebevoll darin unterstützen und ihnen Mut machen.

Ein wichtiger Teil deiner Nachdiplom-Ausbildung postMasunaga Shiatsu sind Gesprächstechniken. Das führt zur Frage: Wie weit können Shiatsu-TherapeutInnen ihren KlientInnen selber durch solche Gesprächstechniken helfen, ihre Persönlichkeitsentwicklung weiterzuentwickeln?

Wenn ich frage: «Wie geht es Ihnen?», und als Antwort «Es geht» erhalte, dann ist der Erkenntniswert für beide, KlientIn und TherapeutIn, gegen Null. Es findet kein therapeutisch relevanter Prozess statt. Nun gibt es verschiedene Gesprächs-Tools, um einen Prozess in Gang zu bringen, z.B. Skalierungstechniken, offene Fragen, aktives Zuhören und so weiter. Ich muss aber auch wissen, wohin ich mit dem Gespräch will, was der Sinn und Zweck und der Nutzeffekt des Gesprächs sein soll. Dazu muss ich eine innere Landkarte haben, auf der ich navigiere. Die menschlichen Denk- und Kommunikationsstile und Verhaltensweisen unterliegen zu 90% automatischen, verinnerlichten Mustern. Das therapeutische Gespräch soll helfen, Muster zu erkennen, welche Gesundheit und Wohlbefinden schädigen, und neue ressourcierende Wege zu beschreiten. Damit leistet das Gespräch zwischen Shiatsu-TherapeutIn und KlientIn gleichzeitig einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.

Wo liegt deiner Meinung nach die Grenze zwischen Komplementär- und Psychotherapie? Und wann ist der Punkt erreicht, an dem KlientInnen weiterverwiesen werden?

Die Grenzen zwischen Berufen sind immer fliessend und nicht trennscharf. Sie sind auch abhängig von den persönlichen Erfahrungen und Kompetenzen. Menschen mit krankhaften Persönlichkeitsstörungen benötigen Psychotherapie. Wir können sie ergänzend dazu in einem interprofessionellen Verbund mit Shiatsu sehr gut unterstützen. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass wir selbst keine PsychotherapeutInnen sind. Diese Grenzen müssen wir erkennen und respektieren. So habe ich gerade diese Woche einen Klienten an Ina Hullmann verwiesen, eine mir bekannte Psychologin, die ebenfalls an der Heilpraktikerschule Luzern unterrichtet, weil ich überzeugt bin, dass er ihre Unterstützung für die anstehenden nächsten Schritte benötigt.

Eine völlig andere Frage: Du bist stark involviert in den Prozess der Entwicklung der HFP (Höheren Fachprüfung) im Zusammenhang mit dem neuen Berufsbild der KomplementärTherapie KT. Inwiefern kann mir eine Teilnahme an der Nachdiplom-Ausbildung postMasunaga Shiatsu hinsichtlich der HFP nützlich sein?

Der eidgenössisch anerkannte Berufsabschluss wird die Zukunft prägen. Er baut auf dem KT-Kompetenzenprofil auf, das im Berufsbild KT formuliert ist, siehe www.komplementaer.org. Die dort formulierten Kernkompetenzen und Grundlagen der KT liegen der Nachdiplom-Ausbildung zugrunde. Wer diesen Kurs absolviert, wird im "Verinnerlichen" der KT-Kompetenzen geschult und ist somit optimal für das zukünftige Gleichwertigkeitsverfahren zur Erreichung des Branchenzertifikats und der HFP vorbereitet.

Danke, Peter, für das Gespräch.

 

Peter Itin

Lic. rer. pol., Shiatsu-Therapeut, Autor von Shiatsu als Therapie (2006). Weiterbildungen: Shiatsu bei Pauline Sasaki und Cliff Andrews, Somatic Experiencing (Trauma-Therapie) bei Peter Levine, Core Process Psychotherapy bei Maura Sills, Taiqi Quan bei Grossmeister Chen Xiao Wang, Achtsamkeit bei Thich Nhat Hanh. Peter Itin ist seit 1996 für die Shiatsu Gesellschaft Schweiz tätig und hatte dabei verschiedene Funktionen inne. Er ist Mitinitiant und derzeit Co-Projektleiter für den Eidg. Berufsabschluss in KomplementärTherapie.

Das sagt Peter Itin über sich

«In meinem ersten Leben war ich als Mitinhaber einer renommierten interdisziplinären Beratungs- und Forschungsfirma tätig gewesen. Auf Shiatsu stiess ich, als mein stressiges Leben immer mehr auch Anzeichen von Burnout zeigte. Shiatsu wurde mir in dieser Zeit zu einer wertvollen Unterstützung. Gleichzeitig reifte auch die Entscheidung, mich voll auf Shiatsu einzulassen, also gewissen Dingen den Rücken zu kehren und Shiatsu als meinen neuen Beruf zu verstehen. Shiatsu hat viele Aspekte, die mich begeistern und überzeugen. Im Vordergrund steht die Berührung, und diese Berührung ist jedesmal auch ein Selber-Berührt-Werden, eine Begegnung, die tief und persönlich ist. Mit zunehmender Berufserfahrung merke ich, wie meine energetische Wahrnehmung immer differenzierter wird. Doch nicht nur die Behandlung selbst, auch die gezielte Gesprächsführung ist für eine professionelle Therapie wesentlich. Shiatsu fördert und fordert mich als ganze Person und ist die Inspirationsquelle meiner persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung.»

  • Was ist Shiatsu? Impulsreferat von Peter Itin am «Der Grosse KT-Tag» 2010 der Heilpraktikerschule Luzern (youtube)