«Ich will den Menschen die Türen öffnen, damit sie sich selbst entdecken»

Ebikon, Anfang Mai 2016 – Persönlichkeitsentwicklerin Monika Lanz im Interview: Über Ressourcen und Berufung. Über Türen zu sich selbst. Und über Migräneanfälle, die dann aufhören. 

Zuerst Lehrerin mit, dann Körpertherapeutin ohne Migräne: Monika Lanz, die ihre Berufung gefunden hat.

Monika, hast du deine Berufung gefunden?

Hoppla – eine Lebensfrage zu Beginn... Auch zwei Fragen in einer: Was heisst Berufung überhaupt? Und: Wie merke ich, dass ich da bin, also meiner Berufung folge?

Und?

Nun, mein Bauchgefühl – etwas sehr Wichtiges, das in diesem Weiterbildungszyklus auch Platz haben wird – reagiert auf diese Frage sogleich mit einem Ja. Jetzt ist der Kopf dran, er sucht noch nach Erklärung.

Was findet dein Kopf?

Berufung ist für mich das, was mir wirklich entspricht. Da, wo ich die Zeit vergesse. Das, was ich ohne Mühe und mit nicht enden wollender Freude und Elan erledige, das, wo die ganze Persönlichkeit gefordert ist, wo sie wachsen kann und auch wachsen will. Das, was mir schon in die Wiege gelegt wurde? 

Das heisst, ich muss wissen, was mir wirklich entspricht?

Ja, und um das herauszufinden, gibt es Hilfsmittel. So schauen wir uns besonders das Selbstkonzept nach C.G. Jung und anderen Psychologen an. Jung ist zwar ziemlich komplex, aber das schaffen wir schon, er ist wirklich sehr hilfreich. Jung ist sozusagen mein Ursprung, da bin ich zu Hause. Ziel all dessen ist eben das Suchen – und Finden – des innersten Kerns: meiner Ressource, meiner Berufung eben, meiner fast unerschöpflichen Kraftquelle.

Ich finde also in dieser Weiterbildung sozusagen zu mir selbst?

Das Ziel ist es, zu diesem Ursprung zurückzugelangen, sich selbst so nah wie möglich zu kommen. Dann vielleicht hört das Suchen auf, oder wird weniger – mindestens für den Moment. 

Für den Moment?

Das ist so, denn: Ausgelernt haben wir nie, und das ist auch meine Überzeugung. Also geht die Suche nach Sinn und Ziel – nach der Berufung? – wohl das ganze Leben. 

Das ist etwas ernüchternd.

Nicht wirklich, es ist das Beste, was wir kriegen können. Und diese Suche wird ja immer leichter, sie macht sogar gesund, und sie wird ruhiger, je näher ich dieser Berufung komme. Ausserdem liegt es, glaube ich, in der Natur der Sache, dass die meisten von uns nicht von Anfang an im Leben ihre Berufung sofort finden und dann auch gleich leben. So auch bei mir. Es geht darum, einen Anfang zu machen.

Einmal mehr: ein Prozess.

Ja, da sind Vorstellungen, die uns beeinflussen, die kommen von den Eltern, von der Umgebung, sind kulturell geprägt. Dabei geht es zum Beispiel darum, wer welche Rolle im Leben übernehmen sollte. Je stärker bzw. authentischer das Selbst schon ist oder sich in der Kindheit entwickeln konnte, je geringer ist die Beeinflussung durch solche Vorstellungen, sagen wir bei der Berufswahl, durch äussere und innere Zwänge. Ina* nennt diese Zwänge Glaubensmuster. Wie oft sitzen wir in unserem Goldfischglas fest, fragt Ina, in unserer Ego-Perspektive, geprägt durch irgendwelche übernommenen Vorstellungen, und sehen alles verzerrt.

Kann man da alleine hinausspringen?

Vielleicht, aber ich selber habe erst über den Rand hinaus gesehen, als mir nach langer Lehrertätigkeit mein damaliger Therapeut mir immer wieder nahe legte, ich sei doch auch fürs Therapieren gemacht und für die Psychologie sowieso. – Erst war da Widerstand: «Ich? Und warum überhaupt? – Ich hab’ doch meinen Beruf, in dem ich glücklich bin, ich hab’ ihn ja selbst gewählt...» Wirklich? Grundsätzlich ja, ich freue mich ja immer noch von ganzem Herzen, Kurse zu geben. Und doch: Tief drin, wie man so sagt, war da noch etwas. Etwas, das mich rief, könnte man jetzt sagen. Innerlich hatte ich mich eigentlich schon längst auf die Suche gemacht nach diesem Etwas. Der Therapeut hatte es erkannt, ich bin ihm sehr dankbar.

Darf ich fragen, wie das ging?

Schnell ging’s, um ehrlich zu sein: Seine Frage blieb hängen und liess mich nicht mehr los – kennen wir nicht alle solche Sätze? Oder auch nur ein Wort? Was mitten ins Herz trifft, ist echt. 

Und da ist es dann passiert?

Mir ist da bewusst geworden, dass mich ja schon mit zwölf diese Psychologie-Leidenschaft gepackt hatte. Übrigens durch einen «Zu-Fall», und darüber dachte ich dann nach: Meine Mutter hatte mir damals ganz beiläufig ein Buch geschenkt, «Der Mensch und seine Symbole» von C.G. Jung, ich bin darin versunken. Schliesslich verstaubte es dann doch, in der Schule ging es um anderes. Bis eben zu jener Frage des Therapeuten.

Und dann hast du etwas Neues gestartet?

Ja, ich habe schliesslich die Ausbildung zur Körpertherapeutin angefangen – und es war wie bei dem Buch, ich versank darin, es packte mich, liess mich nicht mehr los. Das eine ergab sich aus dem anderen, fast ohne, dass ich etwas dafür getan hätte. Das ist übrigens oft ein Zeichen dafür, dass man sich seiner Berufung nähert, auch das will der Kurs ja thematisieren. 

Aber als Lehrerin warst du ja eigentlich zufrieden?

Richtig, unglücklich bin ich nicht gewesen, es ist ja auch ein spannendes Umfeld, die Erwachsenenbildung. Heute geht es mir prächtig, und im Vergleich dazu hat mir als Lehrerin vielleicht doch einfach etwas gefehlt. Nur war ich mir dessen nicht ganz bewusst. Spannend ist eine GallupStudie zur Mitarbeitermotivation von 2015**: 70% der Deutschen sitzen im falschen Job, das heisst, sie haben ein Stück weit resigniert, machen Dienst nach Vorschrift. Die Kollegen, auch die Entlöhnung und so, das alles stimmt so weit – doch entsprechen die Jobs, die sie da tun, wirklich ihren Herzenswünschen, wenn sie ehrlich wären?

Viel verlorene Zeit, eigentlich, wenn man das Falsche macht.

Ja, man sollte fragen, und zwar: Kann ich im Job ganz und gar authentisch sein? Ist da nicht noch mehr, was gelebt sein möchte? In meinem Fall war die Antwort: Ja, da gibt es noch etwas, und das ist die Neugier auf physische, psychische und geistige Gesundheit, vor allem das Interesse für psychologische, zunächst verborgene Zusammenhänge und Ressourcen. Und genau dafür kann ich mich jetzt so richtig engagieren. Ausserdem...

Ausserdem?

...wirkt es sich ja auch auf die Gesundheit aus. Wir können uns über den Kopf sehr gut einreden, genau den richtigen Job gefunden zu haben. Alles läuft am Anfang rund, alles scheint zu stimmen, irgendwann beginnt es zu hapern – dann kommt vielleicht das Burnout oder sonst ein Ungleichgewicht zum Vorschein. Der Körper weiss immer, was stimmt und was nicht, wir haben es gesehen. Ist es da nicht besser, gleich von Anfang an auf ihn, auf sich zu hören, sich zu befragen? Dann merkt man vielleicht: Da ist noch mehr drin, wenn ich ehrlich bin. Da stimmt was noch nicht ganz, da ruft etwas nach Veränderung. Macht man das erst spät, wird es schwieriger: Ausgerechnet jetzt, wo wir uns doch gerade eingeredet haben, dass doch wirklich alles stimmt und dass wir jetzt in der Komfortzone sind. Aus dieser Zone hinausgeworfen zu werden kann zunächst weh tun, doch dann, wenn Sinn und Berufung hoffentlich näher rücken, wird sie mir gut tun. 

Von Burnout und Ungleichgewichten hast du gerade gesprochen. Die Berufung wirkt sich auf die Gesundheit aus?

Ja, unser Körper, zusammen mit Seele und Geist, ist ein System, das genau weiss – und auch zu erkennen gibt – wann es im Gleichgewicht ist, wann es einfach stimmt. Und eben auch, wann nicht – in diesem Fall zeigen sich Symptome, vielleicht sogar Schmerzen. Es kann wirklich sein, dass der Beruf sogar zur Last wird. Da zeigt sich uns Coaches, dass da Ressourcen falsch oder gar nicht gelebt werden. Vielleicht wurden sie noch nicht erkannt oder sie sind erkannt und werden einfach als Schwächen abgetan. Geht man dieser Spur nach, beginnt die Reise zu sich selbst, das ist ungeheuer spannend. Je früher man sich auf den Weg macht, desto besser – Schmerzen müssten in vielen Fällen nicht sein. Bei mir waren es diese Migräneanfälle über all die Jahre des Lehrerdaseins. Letztendlich waren sie ein Hinweis: Da stimmt doch etwas nicht.

Und dann muss man etwas ändern?

Ja, das hilft natürlich, ist aber nicht immer einfach. In meinem Leben hat das auf alle Fälle grössere Veränderungen mit sich gebracht – der Weg in Richtung Authentizität und Berufung ist ja meist nicht gradlinig. Doch einmal unterwegs, da gibt es kein Zurück, das kennen die meisten von uns. Auf diese Bahn wurde ich 1996 gelenkt, vor bald 20 Jahren. Alles, was seit da an Erkenntnissen, Methoden und Erfahrungen hinzu kam, war immer spannend, packend, meinen tiefsten Interessen entsprechend.

Auch heilsam, also salutogen?

Ja, absolut. Die Migräneanfälle, die mich meine ganze Lehrerzeit hindurch gequält hatten, sie stoppten genau in der Zeit, als ich mich auf meinen neuen Weg gemacht habe.

Was hat dein Weiterbildungsangebot «Ressourcen-Coaching» mit der Berufung zu tun?

In diesem Weiterbildungszyklus habe ich mir zum Ziel gesetzt, den Menschen so viele Türen wie möglich zu öffnen, damit sie sich selbst entdecken und diese Erfahrungen ihren KlientInnen weitergeben und ihnen Türen öffnen können. Die Methoden, die die TeilnehmerInnen dazu lernen, sind genau solche Türen zu sich selbst. Ich habe sie an mir selbst erfahren, durfte sie geniessen, und ich habe sie dann auch weiterentwickelt, dies, aufgrund der Erfahrungen in meiner Praxis über all die Jahre. Da geht es zum Beispiel darum, Blockaden anzugehen und Widerstände, gerade sie. Oder darum, im Alltag achtsamer zu werden. Gerade mit John Kabat-Zinn wird klar: Achtsamkeit ist die Antwort auf Stress. Achtsam zu sein ist unsere Natur, wir haben es nur verlernt. Und die Symbole, die sogenannten Zu-Fälle, diese Sinnbilder, die mein Unbewusstes mir schickt, wenn ich sie denn verstehe, einen Freudschen Versprecher als Beispiel. Oder Wertschätzung und Empowerment.

Also eine ganze Menge Methoden, Türen. Wann wende ich welche an?

Wir lernen, den Focus zu setzen. Dazu habe ich eine Methode entwickelt, ich nenne sie Self-Focusing. Sie ist ein wirksames Hilfsmittel, beim Coachen im richtigen Moment das passende Instrument zu finden. Einmal mehr ist es vor allem der Körper, der uns selbst sagt, was er braucht. Self-Focusing spürt dem nach. 

Neben «Ressourcen-Coaching», der Ausbildung, die du entwickelt hast, gibt es auch «Coaching in der Therapie», entwickelt von Ina Hullmann. Wie hängen die beiden Ausbildungen zusammen?

Mit «Coaching in der Therapie» hat Ina Hullmann ein ganz wichtiges Bedürfnis abgeholt. TherapeutInnen von heute sind zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass KlientInnen sich nicht nur hinlegen wollen, sondern auch reden. Damit sind wir als TherapeutInnen mehrfach gefordert, zumindest ich habe mich damals damit überfordert gefühlt. Trotz langer und breiter Ausbildung in der Methodik fehlt die Basis für ein professionell geführtes Gespräch in der Therapie. Dass Ina uns gleich noch wirksame Instrumente gibt, also zum Coaching hinführt, ist ein Geschenk für alle, uns und die KlientInnen. «Coaching in der Therapie» holt also ab und führt in die ganze Thematik ein, vertieft sie, wo die Zeit es erlaubt.

Und «Ressourcen-Coaching»?

Dort, wo in «Coaching in der Therapie» die Zeit fehlt, möchte «Ressourcen-Coaching» weiter gehen. Vertiefen, wo die Einführung aufhören musste. Der neue Zyklus kann aber auch losgelöst von «Coaching in der Therapie» den Blick auf Besonderheiten richten, die uns den Weg zu weiteren Ressourcen ebnen. 

Wenn jemand bereits Coach ist, also eine Coaching-Ausbildung absolviert hat, was bringt da Ressourcen-Coaching?

Coaches brauchen immer wieder neue Impulse für neue und erprobte Instrumente. Zusätzlich wollen wir vom Austausch innerhalb der Gruppe profitieren, wo das möglich ist. Unsere Ressourcen stehen für mich am Ende einer Kette von anderen Brennpunkten – Achtsamkeit, Symbole, Widerstände, zum Beispiel. Auf diesem ganzen, langen Weg streifen wir viele Instrumente – wir wollen unser Werkzeugkästchen füllen, und auch die Hintergründe richtig verstehen, um die Instrumente, das Wissen und unsere Fertigkeiten dann auch ganz gezielt einzusetzen. 

In einem der Module lerne ich zu meditieren. Was hat das mit Coaching zu tun?

Es ist sicherlich eine Herausforderung, seinen innersten Kern zu finden. Meditation ist eine der Türen, eine Annäherungshilfe an die innerste Ressource also. Meditation schafft Distanz, fokussiert das Wesentliche, macht bereit auf Veränderung, macht ruhig, ganz, heilt. Das Gehirn schaltet auf Alphawellen. In der Meditation können neue Erkenntnisse und Ideen spriessen, die bei jedem anders, vielleicht auch ein bisschen «ver-rückt» sind, wie Ina mit Erasmus von Rotterdam sagt. Genau das ist es: Lebe dein Leben, finde deine Mitte, den Ausgleich zwischen Anpassung und Authentizität: hier stecken Ressource, Kraft, Stärken und Schwächen – hier steckt die Energie, das Potenzial, gerade hier.

Was bringt mir Ressourcen-Coaching in meiner Naturheilkunde-Praxis?

Spätestens seit Aaron Antonovsky wissen wir: Gesund zu werden, zu sein und hoffentlich zu bleiben hat, das ist eng mit Authentizität verknüpft. Damit, sich selbst, seine Ressourcen und Potenziale gezielt einzusetzen, also möglichst seine Berufung zu leben. Welche Naturheilkunde-Praxis hätte nicht genau das zum Ziel: nachhaltige Gesundung? Eine Ergänzung also und Stärkung der Methodik.

Am Grossen Schnuppertag vom 28. Mai gibst du einen Schnupperkurs zu Coaching. Erhalte ich da einen Einblick in «Ressourcen-Coaching» oder «Coaching in der Therapie» oder beides?

Wir starten mit dem Goldfischglas aus Inas «Coaching in der Therapie». Kaum ein Symbol ist einleuchtender. Das kann ganz schön viel in Bewegung setzen. Damit haben wir die Basis, wie sie die Module aus «Coaching in der Therapie» schaffen, und dann schauen wir uns das eine und andere konkrete Beispiel aus «Ressoucen-Coching». Das alles soll glustig machen, Lust auf mehr: en Guete. Ich freue mich schon riesig auf diesen Tag!

Noch etwas, bitte. Die Berufung, kann man sie eigentlich auch ausserhalb des Jobs leben?

Ja, zum Beispiel habe ich Freunde, die tatsächlich einfach arbeiten gehen, um Geld zu verdienen – schliesslich wollten sie Familie und nun ernähren sie sie auch. Oder andere Freunde, die ihre Berufung in der Freizeit leben, die eine mit Malen, die andere mit Musizieren, der dritte beim Fotografieren. Alle scheinen sie mir damit genau ihren inneren Kern zu treffen und auszuleben. Nie sehe ich sie zufriedener als dann. Sie sind gesund und wohlauf, somit auch stabiler im Job. 

Danke, Monika, für das Gespräch!

 

Monika Lanz ist dipl. Körpertherapeutin mit Psychologieabschluss ISAP, arbeitet mit dem ZRM (Zürcher Ressourcen Modell) und ist Persönlichkeits- und Teamentwicklerin. Veröffentlicht hat sie bereits «C.G. Jungs 'Zwischen' und das 'Dritte' im Analytischen Gespräch» (ISBN 9783990075517); momentan arbeitet sie an ihrem zweiten Buch mit dem Arbeitstitel «Feuer und Flamme – Begegnung mit sich selbst und anderen». Monika Lanz hat ihre Praxis in Ottenbach/ZH.

 

* Ina Hullmann; Interview mit Ina Hullmann «Jeder Mensch sitzt in seinem ganz persönlichen Goldfischglas»
** http://www.gallup.de/183104/engagement-index-deutschland.aspx

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