Fertig Stress

Hercules (California)/ Ebikon, 23. September 2016 – Das müssen wir einfach tun: Don Joseph Goewey ist auf Lesereise durch Europa, und da wussten wir, Don muss zu uns kommen. Sein Thema geht uns alle an: Stress.

Zeigt, wie man Stress beendet und zu innerem Frieden findet: Don Joseph Goewey.

Es ist ungeheuer spannend, Don zuzuhören, er hat ja unglaublich viel erlebt. Aus seinen Stress-Erlebnissen hat er eine Methode entwickelt, wie man Stress wirklich los wird, basierend auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis erprobt. Dieser Abend kann für viele zu einem Wendepunkt im Leben werden, zu einem neuen Anfang, zu einem richtigen Durchstarten.

Öffentlicher Vortrag: Dienstagabend, 27. September 2016, 19:15 Uhr: «Stress? In acht Wochen zu innerem Frieden»; der Vortrag ist auf Englisch und wird konsekutiv ins Deutsche übersetzt.

Hier ist Don schon einmal im Interview.

Man könnte denken, du hättest den Stress besiegt. Aber bist du wirklich nicht mehr gestresst? Wenn du eine Krawatte binden musst, ein Flugzeug noch erreichen, ein Buch pünktlich beenden? Mit einer geliebten Person streiten? Vor einem Publikum sprechen?

Don: «Das werde ich oft gefragt. Die Leute denken, weil ich ein Buch mit dem Titel «The End of Stress» geschrieben habe, würde ich damit auch behaupten, ich hätte den Stress in meinem Leben beendet, ein für allemal. Und doch: Dinge wie ein Stau oder eine Computerpanne stressen mich schon noch, aber ich mache Fortschritte. Früher haben mich viel mehr Dinge gestresst. Mittlerweile habe ich meine Fähigkeiten verbessert, auch bei Problemen friedlich, kreativ und optimistisch zu bleiben statt gestresst zu reagieren.»

Wie das?

«Tatsache ist, Stress endet – oder er endet eben nicht – in genau diesem Moment, hier und jetzt, und nicht ein für allemal. Es ist abhängig von den Entscheidungen, die wir treffen. Wir beenden Stress, indem wir eine Wahl treffen, nämlich auch dann achtsam und friedlich zu bleiben, wenn ein Stressor wie ein Ungeheuer seinen Kopf hebt. Oder wir treffen diese Wahl eben nicht. In den meisten Fällen ist ein Zurückkehren in einen achtsamen Zustand des Friedens eine Korrektur, die wir dann machen, wenn wir es zuvor einem Stressor erst erlaubt haben, sich zu einem mentalen Sturm aufzublasen. Je schneller wir also diese Korrektur machen, desto besser wird der Tag. Und je öfter wir uns entscheiden, auf eine dynamische Art friedlich und positiv zu sein, desto besser wird unser Leben.»

Es geht also darum, sich anzunähern?

«Ja. Wir sollten uns dieser dynamischen Geisteshaltung annähern, und das als ein tägliches Üben betrachten. Voller Friede zu sein und positiv, das sollte zu einem inneren Ziel werden, dem wir uns jeden Tag entgegenarbeiten, und wir korrigieren uns, wann immer wir dieses Ziel aus den Augen verlieren. Ob wir tatsächlich Fortschritte machen, messen wir nicht am Nirvana. Der Test liegt im Alltag, der immer besser wird, harmonischer, freudvoller, erfolgreicher, friedlicher, liebevoller. Wenn uns unsere Geisteshaltung jeden Tag auf diese Weise vorwärts bringt, gehen wir in die richtige Richtung. Bewege deine Einstellung beharrlich in diese Richtung und du wirst genau diejenigen Hirnfunktionen stärken, die zu diesem guten Leben führen, über das Aristoteles gesprochen hat. Es geht um einen Wechsel von Stress zu innerem Frieden und von da zum Blühen. Diesen Wechsel zu machen ist einfacher, als du dir das vielleicht vorstellst, und die Veränderungen im Gehirn, die diesen Wechsel erleichtern, können sehr schnell passieren.»

Und wie finde ich heraus, ob ich überhaupt gestresst bin?

«Zunächst solltest du dir gewahr werden, in welchem Ausmass dein Denken von Sorge und Angst geprägt ist, wenn sich dir die täglichen Probleme entgegenstellen. Stress ist Angst; es braucht aus biologischer Sicht eine Form von Angst, um eine Stressreaktion auszulösen. Die meisten Menschen tendieren dazu, sich gar nicht bewusst zu sein, wie angst- und sorgenvoll dieses Denken ist, das ihr Geist einfach aus Gewohnheit produziert. So ist die stressigste Erfahrung für Karriereleute die Angst des Versagens. Diese Angst lässt Leute überreagieren. Sie unterwirft die Leute einer Reihe aufwühlender Gefühle, und am Ende des Tages sind sie müde und depressiv.»

Stress macht auch depressiv?

«Stress und Depression sind direkt verbunden. Extremer Stress kann zu klinischer Depression führen. Der Alltagsstress deprimiert uns, weil er dem Leben die Lust entzieht, er führt dazu, dass sich auch einfache Aufgaben schwer anfühlen. Das sind Zeichen, die man ernst nehmen soll. Wenn du zweifelst, wie gestresst du bist, hilft es dir vielleicht, die zehn Fragen des «Perceived Stress Test» zu beanworten. Dies ist der Test, der von Stress-Forschern am häufigsten verwendet wird. Erzielst du auch nur ein durchschnittliches Resultat oder gar ein hohes, solltest du etwas tun, bald.»

Ab wann sollte ich über meinen Stress-Level beunruhigt sein?

«Dann, wenn dein Stress-Level deine Hirnfunktionen und deine Lebensqualität einschränkt, egal für wie lange. Was die Lebensqualität betrifft, meine ich emotionale Probleme wie Angst, Wut, Überforderung sowie jeden Zustand, der mit Kampf oder Flucht zu tun hat. Ausserdem meine ich auch emotionale Probleme, die du bei anderen auslöst, und auf jedes medizinische Problem, das es bei dir verursacht. Lass dir nichts vormachen, Stress tötet.»

Dann sollte man sich erst gar nicht mehr in den Stau stellen?

«Wenn du dir offen und ehrlich deinen Stress und deine Ängste anschaust, wirst du bald sehen, dass das, was dich in Stress versetzt, meistens gar keine äussere Kräfte sind. Vielmehr sind es deine eigenen Gefühle und Einstellungen zu Leuten und Ereignissen.»

Da könnte man aber einwenden: Jetzt habe ich nicht nur Stress, ich bin auch noch selber schuld dran?

«Zu denken, dass es dein Fehler ist, bringt nur noch mehr von diesem stressigen, ängstlichen Denken, das uns gefangen hält. Das ist Scham, eine Reaktion, die eine der stressigsten ist, die es gibt. Es ist wirklich nicht unser Fehler. Die Genetik und eine schmerzreiche Vergangenheit verdrahten uns auf Stressreaktionen. Bewusstes Erkennen dieses negativen, ängstlichen Denkens, das nur Stress hervorbringt, ist ein entscheidender Schritt, die Verdrahtung im Gehirn buchstäblich zu verändern. Es ist ein Beweis, dass Geist und Körper verbunden sind. Tatsache ist, dass für uns Menschen die Geisteshaltung alles ist. Es ist die Einstellung, die Menschen grösser macht als die Umstände, sogar als äusserst schwere Umstände. Bis wir das verstanden haben, tendieren wir dazu, uns als Opfer der Umstände und Stress als etwas Negatives zu betrachten, das uns einfach zustösst, statt als etwas, das in uns abläuft, als Reaktion auf etwas.»

Was sind die Auswirkungen?

«Stress ist etwas Ernstes. Stress ist nicht etwas, wogegen du irgendwann irgendetwas tun sollst; wenn Stress ein Problem in deinem Leben ist, solltest du dieses Problem heute noch angehen. Denn chronischer Stress bedeutet, dass das Stress-Reaktionssystem fast ununterbrochen aktiv ist und toxische Hormone produziert, die:

•     das Gehirn verkümmern lassen, (Fussnote i)

•     den emotionalen Sollwert ins Negative bringen, (Fussnote ii)

•     das kardiovaskuläre System beschädigen,

•     Chromosomen deaktivieren, (Fussnote iii)

•     das Immunsystem beeinträchtigen,

•     Hirnzellen töten und mit der Zeit dich.

Offensichtlich sind das dann wirklich grosse Probleme.»

Als Elternteil: Was kann man tun, wenn die Kinder gestresst sind? Ihnen raten, mit der Mathematik aufzuhören?

«Studien zeigen, dass das, was Kinder am meisten stresst, nicht Mathematik ist; das, was Kinder stresst, ist der Umstand, wie gestresst ihre Eltern geworden sind und wie gestresst ihre Lehrer sind. So wurden in einer Studie mit tausend Kindern die Eltern gefragt, was ihre Kinder wohl am meisten von ihnen wollten. Die meisten Eltern antworteten: ein neues Fahrrad, ein Trip nach Disneyland, mehr Zeit mit Vater und Mutter et cetera.»

Alles die falschen Antworten?

«Ja, die Kinder wollten nämlich, dass ihre Eltern mit ihrem eigenen Stress besser umgehen. In einer anderen Studie zeigten Schüler von gestressten und überforderten Lehrern ein hohes Vorkommen an Stresshormonen. Gestresste Eltern und Lehrer können Kindern grosse Probleme bereiten. Stresshormone, die durch die sich noch entwickelnden Gehirne strömen, verursachen Lern- und Verhaltensprobleme. Am verletzlichsten durch Stresshormone (Fussnote iv) ist der präfrontale Cortex, er ist zuständig für Intelligenz, Lernen und Impulskontrolle. Das heisst, ein Kind mit gestresstem Gehirn neigt sowohl zu Lernproblemen als auch dazu, Ärger und Wut freien Lauf zu lassen. Stresshormone dämpfen auch das Immunsystem, was mehr und stärkere Erkältungen zulässt. Der erste Schritt also, um Stress bei Kindern zu reduzieren, ist es, Eltern und Lehrern beizubringen, wie sie ihren eigenen Stress reduzieren.»

Und wenn man so um die 50 ist, sozusagen ein Elternteil in seinen besten Jahren, ist es dann zu spät, um Stress zu beenden?

«Wie gesagt, die Genetik und eine schmerzvolle Vergangenheit kann dein Gehirn tatsächlich zu einem hyperaktiven Stress-Reaktionssystem verdrahten. Doch kann ein Wandel in der Geisteshaltung das Gehirn neu verdrahten und sozusagen den Autopiloten des Gehirns verwandeln: von einem, der automatisch Stress und Angst generiert, in einen, der dich innerlich ruhig hält, kreativ und optimistisch, egal was um dich herum passiert. Der wissenschaftliche Begriff dafür ist Neuroplastizität. Die Forschung deutet darauf hin, dass es keine Rolle spielt, wie alt man ist.»

Und wie ist da deine Erfahrung?

«Selber habe ich Leute gecoacht, die auf die 80 zugingen und fast ihr ganzes Leben lang gestresst waren, und auch sie erzielten gute Resultate. Es gibt also auch mit 50 keinen Grund zur Sorge. Zwar kann dich deine Einstellung auf aggressives und reaktives Verhalten verdrahten, aber dieses sogenannte Echsenhirn ist für menschliche Wesen nur eine kleine Variable in der Gleichung. Wir Menschen bezeichnen uns wegen unseres Gehirns als Krone der Schöpfung.»

Was ist das Besondere an unserem Gehirn?

«Es ist wohl die grösste Schöpfung der Natur mit den wohl komplexesten Prozessen des Universums, dem Geist. In den letzten 15 Jahren hat die neue Forschung in der Neurowissenschaft die Geisteshaltung bzw. die mentale Einstellung identifiziert, die es höheren Gehirnfunktionen ermöglicht, mit voller Kraft zu funktionieren. Wenn höhere Gehirnfunktionen sich verbinden und zusammen feuern, sozusagen glücklich zusammen vor sich hin brummen, und das mit einer Hirngeschwindigkeit von etwa hundert Millionen Computer-Instruktionen pro Sekunde, ja, dann steigen die Chancen immens, im Leben erfolgreich zu sein, und zwar auf jeder Lebensstufe; vom Familienleben zur Karriere, vom physischen über das emotionale Wohlergehen bis zum Maximieren der Talente und Fähigkeiten, in vollem Mass.»

Innerer Friede hängt also eng mit den Gehirnfunktionen zusammen?

«Ja, das Gehirn stellt die fluide und kreative Intelligenz her, um deine Ziele zu erreichen, und die emotionale und soziale Intelligenz, um Freude in deine Arbeit zu bringen, Frieden in dein Leben und Harmonie in deine Beziehungen. Es ist ebenfalls der Schlüssel zu Gesundheit und langem Leben. Alle diese positive Ergebnisse sind das, was die Natur beabsichtigt hat, als sie die höheren Gehirnfunktionen entwickelte.»

Danke für das Gespräch, Don.

Don Joseph Goewey hält am Dienstag, 27. September 2016, 19:15 Uhr bis 21:45 Uhr einen öffentlichen Vortrag an der Heilpraktikerschule Luzern. Der Vortrag ist ausgebucht.

  • Hier können Sie Dons Buch «Stress für immer besiegen» erwerben.

 

Don Joseph Goewey weiss, was Stress ist. Fast zuoberst auf der Karriereleiter wurde er als Direktor der psychiatrischen Abteilung der Stanford Medical School entlassen. Ein paar Tage später wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Die Versicherungsleistungen würden nicht reichen, um seine vier Kinder zu ernähren. Und da ging auch seine Ehe in die Brüche. Das war vor über zwanzig Jahren, und Don hat erstaunlicherweise einen Weg heraus gefunden. Sicher, Dons Situation war extrem, zumindest verglichen mit den täglichen Problemen, die uns Normalgestressten auf den Magen schlagen, auf den Geist gehen und die Stresshormone tanzen lassen. Noch extremer war die Situation derjenigen Menschen, mit denen Don in der Zwischenzeit gearbeitet hat: mit Todkranken, mit Eltern, die ein Kind verloren haben, mit Flüchtlingen, die den Völkermord in Bosnien überlebt haben. Jetzt ist Don Mitbegründer der Firma ProAttitude und Buchautor. Sein Ziel: Dass möglichst viele Leute Stress beenden und Probleme auf eine schlaue, zuversichtliche und unaufgeregte Weise lösen – und ein menschliches, kreatives und fröhliches Leben leben.

Fussnoten

i Yale team discovers how stress and depression can shrink the brain, » Artikel

ii Ronald S Duman, et al, Decreased expression of synapse-related genes and loss of synapses in major depressive disorder, Nature Medicine 18, 1413–1417 (2012) doi:10.1038/nm.2886

iii E. Epel, E. Blackburn, Accelerated telomere shortening in response to life stress, PNAS, 17312–17315, PNAS, December 7, 2004, vol. 101, no. 49

iv Emily B. Ansell, et al, “Cumulative Adversity and Smaller Gray Matter Volume in Medial Prefrontal, Anterior Cingulate, and Insula Regions, Biological Psychiatry, July 1, 2012Volume 72, Issue 1, Pages 57–64