Die Dosis, das metabolische Syndrom, der Teufelskreis und der Ärger mit der Fructose

Ebikon, 26. April 2018 – Was hält ein Mediziner von Zucker? Wir fragen den Arzt Eric Haberthür, WestMed-Dozent an der Heilpraktikerschule Luzern.

Wenig Bewegung und viele Kalorien – von dieser Kombination ist dringend abzuraten: Eric Habertühr, dipl. Arzt, WestMed-Dozent an der Heilpraktikerschule Luzern.

Was ist das Tolle am Zucker?

Zucker ist, neben Fett, der wichtigste Energielieferant. Unsere Körperzellen produzieren damit Energie, die unser Stoffwechsel einfach braucht. Sonst funktioniert er nicht. Unser Körper stellt dazu auch selber Zucker her, zum Beispiel aus Eisweiss, und speichert ihn in der Leber. Dies in seiner einfachsten Form, also als Glukose.

Auch fürs Lernen, also fürs Gehirn, soll Zucker sehr wichtig sein.

Ja, das Hirn kann seine Energie nur aus Zucker, also Glukose, herstellen und braucht deshalb eine ständige Versorgung damit. Das Hirn kennt ja keine Pausen, da ist immer etwas los. Falls zu wenig oder kein Zucker mehr im Blut vorhanden ist, kommt es zu einer Hypoglykämie, also einer Unterzuckerung.

Wie merke ich das?

Die Symptome sind z.B. Nervosität, vielleicht zitterst du auch. Und in ganz schweren Fällen kommt es zu Ohnmacht und Krampfanfällen. Das ist dann aber extrem, da müssten auch die Vorräte in der Leber aufgebraucht sein. Oder irgendetwas mit der Weiterleitung nicht stimmen.

Zucker wird ja kritisiert, heftig. Wenn Zucker ein Medikament wäre, was würdest du auf den Beipackzettel schreiben?

Das erscheint mir jetzt wie eine Fangfrage...

Würdest du Zucker also nicht so hart kritisieren?

Na gut. Wie schon Paracelsus sinngemäss sagte: Nichts ist Gift, alles ist Gift, die Dosis macht’s. In diesem Sinne können bei langfristiger hochdosierter Zuckereinnahme sicher Krankheitsbilder und Störungen entstehen. Häufig sind sicher Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2, also Übergewicht und Zuckerkrankheit. Kombiniert sich das mit anderen Symptomen, haben wir ein metabolisches Syndrom. Und klar, Karies und ein Abhängigkeitsyndrom mit Entzugserscheinungen sind möglich. Diskutiert wird auch ein Einfluss auf die Krebsentstehung.

Du hast das metabolische Syndrom genannt, was ist das?

Dies ist eine Zivilisationskrankheit, sie entsteht durch die Kombination von zu viel hochkalorischer Nahrung, das sind vor allem Nahrungsmittel mit Industriezucker, und Bewegungsmangel. Das metabolische Syndrom ist ein grosser Risikofaktor bei der Entstehung von Herzinfarkt und Schlaganfall, die ja zu den häufigsten Todesursachen in unserer westlichen Welt gehören.

Wie merke ich, ob ich ein metabolisches Syndrom entwickle?

Es kombinieren sich bei dir folgende Störungen: Insulinresistenz mit Diabetes mellitus, Hypertonie, also hoher Blutdruck, Adipositas, vor allem um den Bauch, dazu Störungen des Fettstoffwechsels, z.B. hohes Cholesterin. Dein Hausarzt kann die Symptome ziemlich eindeutig feststellen.

Zu viel Zucker, zu wenig Bewegung also?

Ja. Medizinisch führt das dazu, dass das Insulin nicht mehr richtig wirkt. Der Blutzuckerspiegel bleibt hoch und das schädigt auf lange Frist die Blutgefässe und das Immunsystem. Gleichzeitig bleibt das Insulin im Blut, der Insulinspiegel ist pathologisch erhöht. Medizinisch heissen diese Phänomene Insulinresistenz und Hyperinsulinämie. Insulin ist das Hormon, das die...

... Aufnahme von Zucker in die Körperzellen fördert und somit den Blutzuckerspiegel senkt?

Ja, und zudem – und das ist halt auch ein Problem – fördert Insulin den Aufbau von Körpergewebe wie z.B. Fett. Medizinisch gesprochen: Insulin wirkt anabol.

Das musst du mir genauer erklären.

Also, bei einer Insulinresistenz bleibt der Blutzuckerspiegel hoch. Deswegen wird auch permanent Insulin produziert, und das heisst, der Insulinspiegel bleibt ebenfalls hoch. Deshalb neigst du dazu, Fettgewebe aufzubauen, und zwar wegen dieser anabolen Wirkung des Insulins. Es ist jetzt sehr schwierig abzunehmen. Ein richtiger Teufelskreis entsteht.

Wie genau sieht dieser Teufelskreis aus?

Das Ziel wäre ja klar: Du musst den Insulinspiegel senken. Das kannst du durch Bewegung und dadurch, dass du nichts isst. Sobald du aber wieder etwas isst, vor allem Kohlenhydrate, nimmst du eher wieder zu, weil der Insulinspiegel wieder gestiegen ist – als Reaktion auf den wieder erhöhten Blutzuckerspiegel.

Was also tun?

Um da raus zu kommen, braucht es genügend Bewegung, regelmässig, und eine Ernährungsumstellung. Das ist ganz wichtig. Ich sage nicht Diät, denn es geht nicht um eine Diät. Es geht um eine dauerhafte Änderung der Ernährung, des Lebensstils.

Weg vom Zucker.

Ja, weg von schnellen Kohlenhydraten. Low-Carb-Ernährungsweisen haben sich als erfolgreich erwiesen, verbunden mit Bewegung. Der Erfolg stellt sich aber nicht übers Wochenende ein, es ist auch keine Zwei-Wochen-Diät aus einer Zeitschrift. Es braucht da schon ein paar Wochen Durchhaltewillen, Gelassenheit und Geduld, bis du die ersten Erfolge siehst.

Und wann stellt sich der Erfolg ein?

Erst nach ein paar Wochen. Dazu musst du deinen Alltag umstellen: deine Ernährung planen und täglich dein Essen mit ins Büro nehmen und heiter und gelassen bleiben, wenn du neben deinen KollegInnen sitzt, die sich in die Spaghetti stürzen. Mit all dem musst du klar kommen. Und das für lange Zeit. Gleichzeitig musst du auch noch Bewegung in den Alltag integrieren. Du siehst, die Langzeitperformance, die ist da eher schwierig.

Zumal es bei der Bewegung wohl nicht um einen Spaziergang geht?

Ja, der Puls muss schon in die Höhe. Eher Richtung Cardio-Training. Als Anfang oder dann auch unterstützend, kann ein etwas aktiverer Alltag sein: ein flotter Spaziergang nach dem Essen. Statt die vier Stationen mit dem Bus zu fahren, einfach laufen. Ab und zu vom Schreibtisch aufstehen und einen Kaffee holen, ohne Zucker. Aber irgendwann musst du regelmässig über Bewegung ins Schwitzen geraten, zumindest in ein leichtes Schwitzen. Mein Tipp: Mit dem Hausarzt einen Plan machen, dazu eventuell sogar regelmässige psychologische Beratung oder Coaching.

Okay, zurück zum Zucker. Oft wird ja von einem Calcium- und Vitamin-B1-Mangel gesprochen, den es wegen Zucker geben soll. Wie ist das?

Vitamin B1 wird im Energiestoffwechsel gebraucht, also z.B. für den Abbau von Zucker. Es scheint daher möglich, dass durch hohen Zuckerkonsum auch ein erhöhter Bedarf an diesem Vitamin entsteht.

Und woran würde ich das merken?

Symptome eines Mangels wären z.B. Müdigkeit, Gedächtnisstörungen und Sensibilitätsstörungen. Ob aber der Zusammenhang von hohem Zuckerkonsum und Vitamin-B1-Mangel auch tatsächlich eine wissenschaftliche Grundlage hat, müsste ich erst prüfen.

Ein Calciummangel?

Auch das wäre möglich, da Zucker die Aufnahme von Calcium im Darm behindern kann. Jedoch müsste ich auch diese Vermutung erst prüfen.

Osteoporose, Entzündungen?

Bei der Entstehung der Osteoporose spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, so die Genetik, Bewegungsmangel, die Hormone, Rauchen et cetera. Hier auf den Zucker zu fokussieren scheint mir nicht hilfreich im Hinblick auf Prävention und Therapie. Hinweise auf eine entzündungsfördernde Wirkung von Zucker gab es in Experimenten an Ratten.

Frühstücksflocken, Süssgetränke?

Häufig enthalten sind Sacharose, das ist Zweifachzucker aus Fructose und Glukose. Auch häufig sind Fructose und Glukose als Einfachzucker, das heisst oft auch Glukosesirup, und andere Süssungsmittel. Welche Zuckerarten genau sich in unseren Nahrungsmitteln befinden, ist eine grosse Frage. Dazu muss man die Inhaltangaben, besser noch die Zusammensetzung, falls vorhanden, beachten. Um diese dann zu verstehen, empfehle ich ein Studium als NahrungsmitteltechnologIn.

Tja.

Hör dir nur diese Namen mal an: Ethylmaltol, Maltose, Raffinose, Süssmolkenpulver…

…schauen wir uns die Grundstoffe an. Was ist besser: Fructose oder Glukose?

Das ist bereits eine schwierige Frage: Fructose kann zwar insulinunabhängig in die Zellen aufgenommen werden. Auf den ersten Blick scheint das ja positiv in Hinblick auf den Insulinspiegel und die Entstehung eines Diabetes mellitus zu sein. So hat man Fructose deshalb lange Zeit zum Süssen von Diät-Lebensmitteln empfohlen.

Jetzt kommt das Aber.

Oh, ja. In den USA wurde und wird deswegen Fructose im grossen Stil als Süssungsmittel eingesetzt. Jetzt zeigen aber Studien, dass hier wahrscheinlich der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wurde. Der hohe Fructoseanteil in den Lebensmitteln scheint mitverantwortlich zu sein für die starke Zunahme des metabolischen Syndroms in den USA. Zudem leiden viele Menschen unter einer Fructoseintolerenz, d.h. sie bekommen Verdauungsprobleme durch den Fruchtzucker. Glukose scheint da weniger Probleme zu machen.

Dann kann ich ja beruhigt sein, eigentlich, wenn ich kaum Früchte und Industrielles esse, so komme ich kaum auf Fructose.

Von dem her schon, ich hoffe aber, du isst Gemüse. Bei der Empfehlung, Früchte und Gemüse zu essen, geht es ja nicht um die Zuckerart, sondern um die anderen Inhaltsstoffe, von Vitaminen über Mineralstoffe bis hin zu den Ballaststoffen.

Anderes Thema, Traubenzucker, reine Glukose also. Soll ich an einer Prüfung Traubenzucker nehmen, damit mein Hirn gut läuft?

Ja, klar macht dies Sinn, sicher!

Habe ich nicht genug in der Leber gespeichert?

Schon, aber der Speicher reicht nicht lang, vielleicht sind da zehn Gramm drin. Das reicht für den Tagesgebrauch, je nach dem, wie du gegessen hast.

Agavensaft?

Da im Agavensaft viel Fructose enthalten ist, scheint mir dies nicht wirklich eine sinnvolle Alternative, wobei auch hier Paracelsus gilt.

Birkenzucker?

Birkenzucker besteht aus Xylit und wird aus Holz, und zwar Birke oder Buche, hergestellt. Er enthält viel weniger Kalorien als unser Haushaltszucker und löst auch keine Karies aus. Dies ist sicher eine Alternative, jedoch kann man durch Xylit Durchfall und Blähungen bekommen.

Erythrit?

Erythrit ist ein Zuckerersatzstoff, der industriell durch Fermentation hergestellt wird. Er ist chemisch verwandt mit dem Xylit, macht aber weniger Verdauungsprobleme. Laut WHO scheint dieser Stoff gesundheitlich unbedenklich. Aber man weiss ja nie, siehe Fructose.

Du selber, wie stehst du zu Zucker?

Wie schon erwähnt, macht die Dosis das Gift und somit trinke ich ab und zu sogar zuckerhaltige Süssgetränke. Ohne schlechtes Gewissen.

Danke, Eric.

Keine Ursache, Martin.

 

Eric Haberthür, med. prakt. hat in Bern Medizin studiert. Anschliessend hat er als Arzt in der Psychosomatik und Psychiatrie gearbeitet. Seit über zehn Jahren ist er nicht mehr klinisch tätig und kümmert sich in seiner Familie um Kinder und Haushalt. An der Heilpraktikerschule Luzern unterrichtet er Module der WestMed, er doziert auch an weiteren Schulen. Er versucht, seine Familie und sich einigermassen gesund zu ernähren, und ist Mittelfeldspieler, leider langzeitverletzt, bei den Fussball-Veteranen des FC Zollbrück.

 

Die Ernährung umstellen und sich mehr bewegen? Dazu gilt es, Gewohnheiten zu ändern. Tipps haben wir hier: Besser leben: Gutes zur Gewohnheit machen

Wer gar keinen Spass an Zucker mehr haben möchte, liest: Dr. med. Robert H. Lustig, Die bittere Wahrheit über Zucker (Riva-Verlag, 2016)

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