«Wie eine Landkarte durch die Zeit»

Ebikon, 19. März 2019 – Die Chrono-Akupunktur ermöglicht es Dr. med. Robert Trnoska, günstige Abschnitte des Lebensweges zu erkennen. Daraus ergeben sich klare Hinweise auf Akupunktur-Punkte zur Aktivierung mittels Nadelung, Akupressur oder Shiatsu: Robert Trnoska im Interview.

Yi-Jing-Astrologie: Dr. med. Robert Trnoska betrachtet die Einflüsse der Zeit wie exogene Einflussfaktoren und leitet daraus Akupunkturpunkte ab.

Robert, du bietest zwei neue Module an, eines heisst: «Über Yi-Jing-Astrologie zur Chrono-Akupunktur». Astrologie, ist das nicht ein bisschen unseriös?

Der Ausdruck dient nur als Fingerzeig für eine Technik, die mit Zeit-Einflüssen arbeitet. Sterne und Planeten spielen – abgesehen von unserer Sonne und Erde – dabei ohnehin keine Rolle. Und die Wirkung der Zeit findet man auch anderswo, sogar an sehr prominenter Stelle: So enthält der «Gelbe Kaiser» selbst mehrere Kapitel über Zeit-Einflüsse in Form der Klimafaktoren wǔ yùn liù qì. Oder, um eine unbestrittene Autorität der Klassischen Chinesischen Medizin zu zitieren, nämlich Sun Simiao: «Wer ein guter Therapeut sein mag, muss alle wichtigen Medizinklassiker kennen. Weiters muss man die ’Metaphysik’ studieren. Dies schliesst Yi Jing ein.»

In der Beschreibung zum Chrono-Akupunktur-Modul steht der Begriff «individuelle Zeitqualitäten». Was ist das?

Es gibt zwei verschiedene Herangehensweisen, um das Wirken der Zeit zu beschreiben: Da sind einerseits die Systeme, welche die Eigenschaften eines Jahres bezeichnen – wie zum Beispiel 2019 als Erde-Schwein-Jahr – und daraus bestimmte Einflüsse ableiten. Diese fliessen dann auf uns alle gleichermassen ein. Allein, wie sie sich auf den Einzelnen auswirken, das kann man mit so einem System nicht sagen. Und genau hier liegt die Stärke der «individuellen Zeitqualitäten»: Was passiert mit einem selbst in so einem Zeitrahmen? Wie wir eben darauf eine Antwort erhalten, lernen wir in diesem Einstiegsseminar.

Diese Zeitqualitäten werden in der Sprache der 64 Hexagramme ausgedrückt. Was bedeutet das?

Ja, das ist ein wichtiger Unterschied zu anderen Stilen der Yi-Jing-Astrologie. Die Zeitqualitäten kommen nicht allein über die Trigramme zum Ausdruck, sondern eben in der Sprache der 64 Hexagramme. Dieses traditionelle chinesische Horoskopsystem ist eine digitale Astrologie, denn sie funktioniert über Yin und Yang sowie eine Taktung in Einheiten wie zum Beispiel den bekannten Doppelstunden der Chinesischen Medizin. Das führt dann zu einer vereinfachten Charakterisierung der Zeit-Einflüsse.

‚Vereinfacht‘ heisst aber doch auch hilfreich?

Sicher. Denn so lassen sich bereits mit diesem Einstiegsseminar individuelle Stärken und Schwächen basierend auf der Konstitution erkennen. Ebenfalls mit den Mitteln dieses Seminars kann man bereits eine Landkarte durch die Zeit zeichnen, um günstige oder ungünstige Zeiteinflüsse abzuschätzen.

Was ist noch besonders an deinem Chrono-Akupunktur-Modul?

Erstens die originale Übersetzung aus dem Chinesischen gemäss dem ursprünglichem Astrologie–System, und zwar vollständig aufbereitet mit deutscher Umschrift der chinesischen Begriffe. Besonders ist zweitens die vereinfachte und exakte Umformung des Geburtsdatums ins chinesische Kalendersystem. Und, ganz wichtig, anders als bei anderen Zeit-Akupunkturformen wendet man hier keine allgemeinen Zeitqualitäten an.

Sondern?

Man gewinnt individualisierte Kenntnisse über die Grundkonstitution einer Person, um diese dann über die Akupunktur in die TCM einfliessen zu lassen. Das tangiert also ganz individuell und ganz konkret die Therapie.

Lassen sich diese Kenntnisse auch für andere TCM-Methoden bzw. Shiatsu nutzen?

Das Wissen um die Stärken und Schwächen einer Person lässt sich für verschiedenste Therapieformen nutzen. Aus moderner Sicht haben wir damit ein psychologisches Profil vor uns, das uns unser Gegenüber – und uns selbst – besser verstehen lässt. Da die Anwendung für die Akupunktur quasi «direkt ablesbar» ist aus den Hexagrammen, stelle ich sie gleich beim Grundseminar selbst vor. Diese Akupunktur-Punkte können dann auf jede beliebige Art und Weise stimuliert werden: über Nadelung, Aktivierung mittels Shiatsu, Akupressur, Magneten usw.

Dein anderes neues Modul heisst «TCM – Himmelsstämme, Erdenzweige, Yi Jing». Was hat es damit auf sich?

Unter der Bezeichnung «Himmelstämme und Erdenzweige» bzw. «Stems and Branches» werden im Westen üblicherweise Kurse zur chinesischen Klimakunde bzw. Astrologieform wǔ yùn liù qì, den sogenannten «5 Bewegungen und 6 Schichten» angeboten. Ich zeige aber die ursprüngliche Bedeutung von Trigrammen, numerologischen Zusammenhängen sowie eben auch von Himmelstämmen und Erdenzweigen auf. Ich greife dieses Thema an der Wurzel auf, um es allgemeingültig auf die TCM anzuwenden, und nicht etwa aus der speziellen Sichtweise einer bestimmten – sehr wertvollen! – Richtung wie eben der klimatologischen Anwendung davon. Was ich im Himmelsstämme-Modul erkläre, sind genau die Grundbausteine, um komplexere Systeme wie Chronotherapien überhaupt erst verstehen zu können.

Müsste ich dann den Himmelstämme-Kurs nicht vor dem Chrono-Akupunktur-Kurs besuchen?

Schon der Chronotherapie-Kurs selbst lässt sich gut praktisch anwenden. Der Himmelsstämme-Kurs danach wird eine Vertiefung darstellen für alle AnwenderInnen der TCM – egal ob sie nun mit Yi-Jing-Astrologie arbeiten, AkupunkteurInnen oder PhytotherapeutInnen sind.

Inwieweit haben solche Begriffe wie «Himmelsstämme, Erdenzweige, Yi Jing» mit der TCM zu tun, die wir aus Klassikern wie dem «Gelben Kaiser» kennen?

Sehr viel! Tatsächlich scheinen diese Begriffe in Kapiteln des Gelben Kaisers auf. Dort finden wir Erklärungen der Sinnesfunktionen anhand von Erdenzweigen, Beschreibungen von Organqualitäten mit Hilfe von Himmelsstämmen. Oder Abhandlungen über die sogenannten «Jing-Zyklen» von 7 bzw. 8 Jahren für Frauen bzw. Männer – pure chinesische Numerologie. Solche und andere Passagen möchte ich beleuchten und von der Basis her erklären. Wo relevant für die TCM werde ich sogar zeigen, dass Himmelsstämme und Erdenzweige in chinesischen Schriftzeichen genutzt werden.

Zur Idee, dieses Himmelsstämme-Modul anzubieten, kam es in deinem Master-Tung-Kurs vom Sommer 2018. Was war der konkrete Anlass für diese Idee?

Die Akupunktur von Master Tung ist ein schönes Beispiel für einen Stil der TCM, der stark von daoistischem Denken durchdrungen ist. Wir finden dort viele numerologische und astrologische Hinweise wie etwa die Zahl 7 oder den «Tiger» als Hinweis auf den Pò-Körper, also die Körperseele der TCM. Daher gebe ich bereits in diesem Master-Tung-Kurs viele Hinweise auf Hintergründe wie Himmelsstämme, Erdenzweige und Yi Jing. Das stiess auf grosses Interesse – und um das Thema eingehender zu beleuchten, wurde der Himmelsstämme-Kurs ins Leben gerufen.

Hilft mir das Himmelsstämme-Modul auch, Phytotherapie West-TCM bzw. chinesische Arzneimittel besser zu verstehen?

Der Kurs wird auch für PhytotherapeutInnen der TCM, egal ob mit westlichen oder chinesischen Kräutern, spannend sein, weil ich spezielle Eigenschaften und Zusammenhänge von Organ-Beziehungen beleuchten möchte, die man sich dann auch in der Kräuter-Verschreibung und Differentialdiagnostik zunutze machen kann.

Persönlich, nutzt du die Yi-Jing-Astrologie auch für dich selbst?

Ja, regelmässig. Ich betrachte die Zeiteinflüsse, die dort aufgezeigt werden, wie exogene Einflussfaktoren, also genau so, wie wir Wind, Hitze, Kälte, Feuchte usw. in der TCM als äussere Faktoren wahrnehmen. Diese Technik habe ich als sehr wertvoll schätzen gelernt, da sie mir wie eine Landkarte durch die Zeit ist: günstige und widrige Abschnitte des eigenen Weges können rechtzeitig erkannt und das eigene Verhalten dementsprechend angepasst werden.

Danke, Robert, für das Gespräch.

Gern, Martin

 

Die Weiterbildungen mit Dr. med. Robert Trnoska sind hier.

Dr. med. Robert Trnoska hat Medizin studiert und in Graz promoviert. Parallel dazu hat er sich in TCM ausgebildet, er hat sogar die verschiedenen Formen asiatischer Akupunktur studiert, unter anderem in China und Taiwan. Dabei hat er sich eindringlich mit dem Nei Jing Su Wen und dem Yi Jing auseinandergesetzt. Diese Lektüre – und der Austausch mit Lehrern wie Dr. Wei-Chieh Young, Dr. Richard Tan, Robert Doane und Prof. Ross – haben es ihm ermöglicht, sich tief in die Balance-Akupunktur einzuarbeiten. Mit Blick auf die therapeutische Praxis hat Robert Trnoska seine Erkenntnisse als Weiterbildung für AkupunkteurInnen aufgearbeitet, siehe TCM-Weiterbildung mit Dr. med. Robert Trnoska.

Ein weiterer Schwerpunkt von Robert Trnoska ist die Phyto West-TCM. Dabei fasziniert ihn besonders die Frage: Wie lassen sich die Wirkungen schulmedizinischer Medikamente steigern – und gleichzeitig ihre Nebenwirkungen ausbalancieren? Antworten liefert ihm auch hier die TCM, angewandt auf unsere europäischen Kräuter.

Seine Praxis für Allgemeinmedizin führt er in Tobelbad bei Graz. Er unterrichtet regelmässig Weiterbildungen an der Heilpraktikerschule Luzern.