«Im Alter hat man auch Lern-Vorteile»

Ebikon, 7. Juni 2019 – Jung oder alt, wer lernt besser? Wir fragen unsere Dozentin Franziska Bischof-Jäggi, Pädagogische Psychologin.

Franziska Bischof-Jäggi unterrichtet sozialwissenschaftliche Module, zum Beispiel «Lernen - Entwicklung - Persönlichkeit». Es hilft, bei jeder Aus- und Weiterbildung darauf zu achten, dass sie möglichst genau zu den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen passt. Photo: Heilpraktikerschule Luzern

Welchen Vorteil hat man beim Lernen, wenn man jünger ist, sagen wir, so um die zwanzig?

Je jünger man ist, desto eher kann man an die Lernerfahrungen und -strategien aus der bisherigen Ausbildung anknüpfen. Und ist doch einmal eine Nachtschicht nötig, regeneriert ein junger Körper schneller wieder.

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man gut begründet sagen kann: Jetzt bin ich zu alt zum Lernen?

Definitiv nein! Diverse Studien aus der Hirnforschung zeigen, dass neuronale Netzwerkverbindungen in jedem Alter auf- und abgebaut werden. Das nennt sich die neuronale Plastizität des Gehirns und diese wiederum ist wichtig fürs Lernen und das Gedächtnis. Noch einmal: Es können immer wieder neue neuronale Netzwerkverbindungen aufgebaut werden.

Ergibt sich mit zunehmendem Alter sogar ein Lern-Vorteil?

Ja. Je älter wir sind, desto breiter ist unser Wissen. Neues können wir dadurch anders verknüpfen. Lernen wird dann zu einem Wissensaufbau, einer Wissensvertiefung oder -erweiterung. Es ist weniger abstrakt und überfordernd. Eventuell braucht ein älterer Mensch am Anfang tatsächlich etwas mehr Zeit, um sich etwas Neues anzueignen und den eigenen Lernrhythmus wieder zu finden. Hingegen helfen die Erfahrung und das bisherige Wissen bei der Entscheidung, wie Prioritäten zu setzen sind: Was genau ist relevant? Und wo reicht exemplarisches Lernen, also etwas Mut zur Lücke?

Was eigentlich, wenn meine Erfahrungen in Schule und Ausbildung nicht so toll waren?

Schlechte Schulerfahrungen sind traurig und wären in der heutigen Zeit definitiv nicht mehr nötig, da ja so viel an Wissen über Lernen und Persönlichkeit und Entwicklungspsychologie vorhanden ist. Doch Theorie und Praxis klaffen halt oft noch immer – auch in der Pädagogik – gewaltig auseinander. Nichtsdestotrotz hilft es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Dazu braucht es frischen Mut, Vertrauen, auch Disziplin. Weiterführende Schulen und besonders die Heilpraktikerschule haben den grossen Vorteil, dass sehr viele unterschiedliche DozentInnen unterrichten. Das heisst, Studierende begegnen unterschiedlichen Unterrichtsstilen, was das Lernen vielfältig macht. Das hilft.

Worauf sollte ich in diesem Fall besonders achten?

Wichtig finde ich, dass man bei jeder Weiterbildung genau schaut, ob sie den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen auch möglichst entspricht. Dann hast du sehr gute Voraussetzungen. Darüber hinaus sind in einer weiterführenden Ausbildung alle Teilnehmenden Erwachsene. Das heisst, du begegnest den DozentInnen auf Augenhöhe. Das macht es gegenseitig sehr spannend!

Apropos DozentInnen: Hängt mein Lernerfolg auch von ihnen ab?

DozentInnen können tatsächlich beflügeln. Aber wenn sie es nicht tun, sollte das nicht als Ausrede gelten, es ist ja Erwachsenenbildung, also auf Augenhöhe: Du bist in der Verantwortung, du lernst, du fragst nach, fragst nochmals nach, organisierst dich, gründest vielleicht eine Lerngruppe. Und ich als Dozentin bin in der Verantwortung, dir den Stoff so zu präsentieren, dass du ihn möglichst gut begreifen und erlernen kannst. Dazu kommt, dass auch die DozentInnen bewertet werden, die Qualität also laufend überprüft wird. Das führt dazu, dass allenfalls angepasst wird.

Deine persönliche Lernerfahrung?

Mein Studium habe ich mit 20 begonnen, der älteste Studienkollege war da 57. Ich konnte viel von ihm wie auch von anderen älteren StudienkollegInnen lernen, Dinge, welche ich schlicht noch gar nicht wissen konnte. Meine älteren StudienkollegInnen wiederum kopierten von mir vermutlich ein Stück Unbekümmertheit. Gerade so eine gut gemischte Gruppe von Personen aus verschiedenen Lebensabschnitten bereichert und inspiriert.

Heute sprechen wir von lebenslangem Lernen.

Ja, und das führt erfreulicherweise dazu, dass wir in allen Weiterbildungseinrichtungen zusehends Menschen unterschiedlichen Alters antreffen. Ich persönlich finde das sehr wichtig und lerne noch immer genauso gerne Neues wie vor 20, 30, 40 Jahren und sehe keinen Grund, warum sich das je ändern sollte.

Wie wichtig ist eigentlich eine positive Einstellung?

Lernen hat ja immer auch mit Neugierde, mit Wissenshunger und mit Entwicklung zu tun. Ein Mensch, der dem Leben gegenüber positiv ist, ist auch offen fürs Lernen und Weiterkommen – persönlich und fachlich. In diesem Sinne wünsche ich uns allen viele positive Lernerfahrungen, so dass unsere Lernmotivation stets gut genährt bleibt.

Das hört sich ja sehr nett an, aber es kann ja schon Tiefs geben. Was tun?

Ja, tatsächlich. Bei so einem Motivationstief helfen sinnvolle Teilziele, die auch mit einer bewusst genossenen feinen Tasse Tee an der Sonne, einem speziellen Dessert, einer Pause mit guter Musik oder einem Schaumbad gefeiert werden. Und dann macht man sich an die nächste Teiletappe heran. Sich selbst zu belohnen verstärkt die Motivation. Und noch besser: Es hilft, sich selbst zu reflektieren und zu erkennen, dass man ja gar nicht sinnlos stundenlang am Lernen ist, sondern dass man etappenweise weiterkommt.

Oh, hast du einen Buchtipp zu Lernstrategien? Vielleicht besonders für ältere Leute?

Zum Beispiel Lerntypen und Lernstrategien. Ein Leben lang lernen 2 von Elisabeth Gassner – grundsätzlich aber finde ich es wichtig, dass man sich gegenseitig austauscht, denn die besten Tipps und Tricks lernt man meistens voneinander.

Danke, Franziska!

Gern, Martin.


Franziska Bischof-Jäggi ist Pädagogische Psychologin, lic. phil., dipl. Paar- und Familientherapeutin, (Wirtschafts-)Mediatorin SKWM und Dozentin und Prüfungsexpertin an der Heilpraktikerschule Luzern. Mit ihrem Ehemann Felix Jäggi ist sie Inhaberin der Powermanagement GmbH.
www.powermanagement.ch

An der Heilpraktikerschule Luzern Franziska Bischof-Jäggi unterrichtet Module im Rahmen der Berufskompetenzen (Tronc Commun), zum Beispiel Lernen - Entwicklung - Persönlichkeit.