«Darum ist TuiNa bei Schmerzen sehr effektiv»

Ebikon, 18. März 2021 – Im Interview: Dozent Stefan Bamert über TuiNa bei Schmerzen, Wirtschaftlichkeit in der Behandlung sowie körperliche und energetische Anstrengung. 

Stefan Bamert: «Die Techniken sind wichtig – und vor allem die Präsenz in den Händen, das In-Resonanz-Gehen mit den PatientInnen.»

Stefan, wie viele Schmerz-PatientInnen hast du?

Oft sind Schmerzen ja der Grund, warum sich jemand bei mir meldet. Wenn die Schmerzen behoben sind, bleiben manche PatientInnen und lassen sich regelmässig behandeln, im vorbeugenden Sinn. Etwa die Hälfte sind SchmerzpatientInnen, ein Viertel kommt mit den Themen Erschöpfung, Müdigkeit, Schlafstörungen, Tinnitus oder Ähnlichem. Und ein Viertel kommt von Anfang an zur Prävention oder zur Betreuung bei sportlichen Ambitionen.

Nehmen wir einmal Schmerzen am Bewegungsapparat, also zum Beispiel an Knien, Hüften, Rücken, Nacken. Was sind die Ursachen für solche Schmerzen?

Das sind oft Verhärtungen im Muskel, Verklebungen im Bindegewebe oder Sehnenansatzreizungen. Aus Sicht von uns TCM-TherapeutInnen sind das Qi- oder Blutstagnation in den Leitbahnen. Das wäre die oberflächliche Betrachtungsweise und, um kurzfristig die Schmerzen zu beheben, auch völlig ok. Aber natürlich ist die Ursache auf verschiedenen Ebenen zu suchen. Das kann psychisch bedingt sein, oder eine falsche Haltung, übermässige Belastung, äussere pathogene Faktoren wie Kälte, Feuchtigkeit oder Wind oder auch falsche Ernährung etc.

Und wie behandelst du solche Stagnationen?

Meistens setze ich TuiNa ein, das ist die Methode, die aus meiner Sicht am direktesten auf solche Beschwerden einwirkt. Das macht TuiNa über Massagegriffe, Dehnungen, Punktsimulationen etc. Darum ist das auch sehr effektiv.

Kannst du uns TuiNa etwas erklären?

Das ist eine manuelle Therapie, die seit Hunderten von Jahren in China praktiziert wird und auf den Grundlagen der TCM basiert. Das ist unserer modernen Massage ähnlich, auch da geht es um Berührungen und Streichungen direkt auf der Haut. Doch ist TuiNa Teil der TCM, und da spielen – also wie in der Akupunktur und im Shiatsu – Meridiane und Akupunkturpunkte die grundlegende therapeutische Rolle. Das heisst, TuiNa «massiert» Meridiane und Punkte. Oft wird die TuiNa-Behandlung kombiniert mit Moxa, Gua Sha oder Akupunktur, kann aber ebenso gut für sich alleine angewendet werden. TuiNa ist sehr vielseitig und wird auf das Disharmoniemuster und die PatientIn abgestimmt.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Ich knete, klatsche, reibe, schiebe, greife, drücke, halte, streiche, meist mit einem Öl, an ganz bestimmten Akupunkturpunkten und Meridianen, aber auch an bestimmten Muskeln, Sehnenansätzen und Bändern. Dabei ist aber das Wichtigste die Präsenz in den Händen, das ist sozusagen wie Qi-Gong mit PartnerIn. Das gleicht einer Mischung aus Massage, Akupressur, passiven Bewegungen und Dehnungen und Handauflegen. 

Und die Befundung?

Zunächst, es ist ja TCM, gibt es eine ausführliche Anamnese mit Befragung, Beobachtung, Puls- und Zungendiagnose, und in der modernen Form der TuiNa auch oft eine Abklärung, welche Strukturen, also welche Muskeln, Bänder, Sehnen etc. betroffen sind. Speziell in der TuiNa braucht die TherapeutIn ganz besonders die Hände als Werkzeug zur Wahrnehmung von Qi-Blockaden, von Fülle oder Leere.

Sind solche TuiNa-Schmerzbehandlungen angenehm?

Im Grund ja, es kann aber schon Punkte geben, die beim Drücken schmerzen. TuiNa wurde erfunden, um Schmerzen zu behandeln. Wellness, das gibt es in China nicht. In China wird viel weniger auf den angenehmen Teil der TuiNa geachtet als im Westen, wo die PatientInnen anspruchsvoller sind und auch ein gewisser Komfort erwartet wird, der die Entspannung unterstützt und damit auch den Heilungsprozess. Das sind einfach kulturelle Unterschiede, aber das Prinzip der Behandlung bleibt sich gleich.

Apropos Schmerzen: Es heisst, TuiNa kann einen Ellenbogen behandeln, indem man nicht am Ellenbogen arbeitet, sondern am Knie. Wie ist das? Magie? Und machst du das oft?

Das ist tatsächlich eine gute Möglichkeit bei starken akuten Beschwerden. Magie wäre etwas, das nicht erklärbar wäre, aber die TCM-Theorie kann aufzeigen, warum es eben hilft, dass eine ganz andere Stelle stimuliert wird. Ich behandle oft mehr chronische Fälle und da arbeite ich erfolgreicher direkt am Gelenk bzw. mit den verbundenen Strukturen, zum Beispiel mit der Nackenmuskulatur.

Wenn es bei Akupunktur und TuiNa ja um Meridiane und Akupunkturpunkte geht, wie entscheidest du, welche dieser Methoden du anwendest?

Die Wahl ist einerseits eine persönliche Vorliebe: Ich habe schon immer lieber mit den Händen gearbeitet als mit Nadeln. Andererseits gibt es Indikationen, welche sich besser für Akupunktur eignen, andere für TuiNa oder eine Kombination aus beiden. Je akuter die Schmerzen, desto wahrscheinlicher wähle ich Nadeln. Aber es gibt so viele Methoden in der Akupunktur, dass sich auch für die chronischen Muster viele Möglichkeiten anbieten. Von Elektroakupunktur über Ohrakupunktur, Schädel- und Handakupunktur usw. Manchmal ist Akupunktur von Vorteil, wenn ich während der Zeit, in der die Nadeln stecken und wirken, mich noch um anderes kümmern kann, wie Rezepte zusammenstellen, Rechnungen schreiben oder ein Mentorat vorbereiten.

Das hiesse ja eigentlich, dass Akupunktur wirtschaftlich sehr effizient ist? Man könnte mehrere PatientInnen sozusagen gleichzeitig behandeln?

Ja, wenn man den Hauptfokus seiner Tätigkeit auf die Wirtschaftlichkeit legt, dann hat da Akupunktur Vorteile. Häufig aber braucht es mit der Akupunktur gerade beim Bewegungsapparat mehr Behandlungen. Mit TuiNa lässt sich pro Zeiteinheit zwar nur eine Person behandeln, aber man ist auch oft schneller erfolgreich. Langfristig ist es übrigens wirtschaftlich auch sehr gut, wenn es sich herumspricht, dass man bei diesem TuiNa-Therapeuten sehr schnell Linderung erhält.

Akupunktur scheint weniger anstrengend. Ist das so? Wie müde sind deine Arme am Abend nach einem TuiNa-Tag?

Es ist sicherlich körperlich anstrengender. Aber auf energetischer Ebene ist es einiges weniger anstrengend, als in mehreren Behandlungsräumen gleichzeitig Akupunktur zu geben. Vor allem, wenn ich den Anspruch habe, mit den PatientInnen in Resonanz zu gehen. Davon bin ich schnell wieder weggekommen. Und für meinen Körper ist es wichtig, dass ich mich selber auch ab und zu für eine TuiNa- oder eine andere Massagebehandlung hinlegen darf.

Wann setzt du TuiNa ein?

Hauptindikationen sind Schmerzen am Bewegungsapparat. TuiNa hilft bei praktisch allen Schmerzen, die nicht durch akute Entzündungen oder durch akute Unfälle entstehen bzw. wenn keine Gewebsschädigung vorhanden ist. Aber auch Erschöpfungssyndrome, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme oder Menstruationsstörungen lassen sich mit TuiNa behandeln. Und TuiNa ist wunderbar bei Kindern und Menschen mit Nadelangst.



Hast du ein Beispiel?

Eine Patientin erscheint mit Schmerzen und Bewegungseinschränkung am Hüftgelenk. Erste Abklärungen beim Hausarzt ergaben ein CAM-Impingement-Syndrom der Hüfte und der Hausarzt möchte die Patientin zum Spezialisten weiterverweisen in der Meinung, dass ein operativer Eingriff nötig ist. Davor möchte die Patientin Alternativen ausprobieren und meldet sich deswegen bei mir an. Aufgrund meiner Befundaufnahme therapiere ich bei ihr nicht nur das Hüftgelenk, sondern auch die tiefer liegenden Bauch- und Beckenmuskeln und den unteren Rücken mit verschiedenen TuiNa-Griffen. Ausserdem zeige ich ihr Dehnungsübungen. Nach drei Sitzungen sind die Beschwerden soweit gelindert, dass sie wieder joggen kann. 

Oh.

Ja. Und typisch an diesem Beispiel ist, dass in der Schulmedizin oft ein Problem auf einen kleinen Bereich beschränkt wird, wogegen in der TCM ein umfassenderes Bild entsteht, eben genau durch die Verbindungen von Meridianen und Organzugehörigkeit. Das ermöglicht einen ganz anderen Behandlungsansatz. Und sofern kein Gewebe zerstört ist, ist die Wiederherstellung der physiologischen Funktion durch bestimmte Reize wieder möglich.

Danke, Stefan.

Natürlich, gern.

 

Stefan Bamert ist Naturheilpraktiker mit eidg. Diplom in TCM und dipl. Med. Masseur, dazu Dozent an der Heilpraktikerschule Luzern. Mit TuiNa arbeitet er schon seit 2000. Seine Praxis führt er in Sarnen: www.tcmsarnen.ch

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