«Du kannst schon im Voraus Lösungsstrategien finden»

Ebikon, 11. Mai 2018 – Wie macht man es, dass die Selbständigkeit auch erfolgreich wird? Wir fragen Brigitta Trinkler, sie hat eine eigene Firma im Bereich Erwachsenenbildung und Coaching und unterrichtet «Praxismanagement und QM» bei uns an der Heilpraktikerschule Luzern – also genau das Modul, in dem man auch lernt, wie man die Praxis zum Laufen bringt.

Ein Businessplan ermöglicht es, schon im Voraus Lösungsstrategien zu finden, und das bringt Sicherheit und Gelassenheit: Brigitta Trinkler.

Brigitta, beim Gedanken an die Selbständigkeit, daran, dass ich später ja einmal eine – meine! – Praxis zum Laufen bringen muss, zittern mir die Knie. Sollte ich besser in meinem Angestellten-Beruf bleiben?

Es ist ein grosser Schritt, die Anstellung mit einem regelmässigen Einkommen aufzugeben und eine eigene Praxis zu eröffnen. Aber ist es nicht so, dass jede grosse Veränderung zuerst einmal Angst macht? In solchen Situationen ist es wichtig, in sich hinein zu hören, diese inneren Stimmen wahrzunehmen und Lösungen zu erarbeiten, mit der die Angst einverstanden ist. Wenn ich dann ganz hinter der Selbständigkeit stehe, dann geht es oft fast von alleine. Viele, die sich selbständig gemacht haben, sagen, dass sie froh sind, diesen Schritt gemacht zu haben.

Damit ich also ganz fest hinter meiner Selbständigkeit stehe: Wie erarbeite ich eine Lösung, mit der die Angst einverstanden ist?

Wenn die Angst gross ist, lohnt sich wahrscheinlich ein professionelles Coaching, um eine Lösung im Umgang mit der Angst zu finden. Ich würde in einem Coaching wahrscheinlich mit einer der beiden nachfolgenden Coaching-Methoden arbeiten. Auf der einen Seite ist es das innere Team von Friedemann Schulz von Thun, einem deutschen Psychologen und Kommunikationswissenschaftler. Eine andere Methode ist von Maja Storch, einer Psychologin an der Universität Zürich. Sie hat das Zürcher Ressourcenmodell entwickelt.

Gibt es eine Abkürzung oder Vorbereitung?

Das Coaching lohnt sich sicher. Aber wenn du zuerst selber mit deiner Angst umgehen willst, stelle dir die Frage: «Was kann schlimmstenfalls geschehen?» Wenn du dir bewusst machst, was schlimmstenfalls die Konsequenzen sind, kannst du dir überlegen, was du machst, wenn dieser Fall eintrifft. So hast du bereits im Voraus Lösungsstrategien und das kann sehr beruhigend sein.

Also los, wie wird meine Praxis erfolgreich? Visitenkarten, Website, Tag der offenen Tür?

All diese Werbematerialien sind heute Standard. Viele Menschen holen erste Informationen im Internet. Mit dem Tag der offenen Türe kann ich mich und meine Praxis präsentieren und Kontakte knüpfen. Das alleine reicht aber nicht. Ich bin überzeugt, dass das eigene Netzwerk und die bestehenden KlientInnen die beste Werbung sind. Ich habe die meisten meiner Aufträge in der Erwachsenenbildung über mein Netzwerk erhalten. Darum muss dieses aktiv gepflegt werden und Visitenkarten müssen immer dabei sein, damit man diese möglichst oft verteilen kann.

Du unterrichtest das Modul «Praxismanagement und QM», da geht es um die Grundlagen wie die Vision, die persönliche Standortbestimmung, den Businessplan – ganz schön viel Arbeit. Warum kann ich nicht einfach loslegen?

Natürlich kannst du auch einfach loslegen. Die Frage ist einfach, wohin deine Reise führt, welches Ziel du dir setzt. Da hilft die Vision. Mit dieser Vision hast du ein inneres Bild deiner Zukunft, wie du sie dir vorstellst. Dies ist eine wichtige Triebkraft, um dein Ziel zu erreichen, eine erfolgreiche Praxis zu führen.

Hast du das alles für deine Praxis auch gemacht?

Ja, ich habe eine Vision und eine Mission für mein Leben: «Ich motiviere und begeistere Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.» Dies kann ich als Erwachsenbildnerin und als Coach, aber auch als Vorgesetzte leben.

Und die Vision bestimmt dann auch den Businessplan? Was ist überhaupt ein Businessplan?

Der Businessplan umfasst die Bereiche Vision, Unternehmen, Markt / Kunden, Marketing, Finanzen, Qualitätssicherung, SWOT-Analyse sowie Zeitplan / Termine / Etappenziele. Beim Schreiben setzt du dich also mit deiner Vision für die Selbstständigkeit auseinander. Beim Markt / Kunden klärst du ab, wer die Konkurrenz ist und wie umfangreich diese ist. Auch klärst du, wer die Zielkunden sind bzw. wie die Kundenstruktur ist. So kannst du das Potenzial abschätzen. Im Kapitel Marketing wird das Angebot genau beschrieben, die Preise werden festgelegt, der Standort und die Einrichtung der Praxis. Die Finanzen sind für viele eher unangenehm, aber es ein wichtiger Teil des Businessplans. Denn indem du dich mit den Finanzen auseinandersetzt und erkennst, dass die Praxis funktionieren kann, beruhigst du auch deine Angst.

Das hat was.

Ja, und das gilt auch für die SWOT-Analyse: Wenn du deine Stärken und Schwächen kennst, aber auch die Chancen und Risiken des Marktes, kann dies auch viel Unsicherheit wegräumen.

Das heisst, der Businessplan hilft mir eigentlich extrem viel.

Ja, denn während du ihn schreibst, setzt du dich intensiv mit deiner Praxis und ihrer Umgebung auseinander. Gleichzeitig werden dir deine Unsicherheiten klar bewusst und du kannst Lösungen finden. Das ist ein wichtiger Teil des Businessplans. Dank dieser Vorarbeit startest du gelassener in die Selbständigkeit.

Vor deiner Selbständigkeit hast du sicher zuerst einen normalen Job gehabt, also schön mit Chef und weiteren Angestellten und Zielen und Kantine und BVG und 13. Monatslohn und Bonus und Ferien und Feiertagen und allem. Wie ist es dazu gekommen, dass du so etwas Tolles aufgegeben hast?

Ob ein Chef immer etwas Tolles ist, lasse ich einmal stehen. Ich treffe gerne selber Entscheidungen und dies ist bei einer Selbständigkeit sicher ein Vorteil. Für mich ist bei all meinen Tätigkeiten der Kontakt mit den Menschen wichtig. Ich habe vor meiner Selbständigkeit als Kursleiterin in der Informatik gearbeitet. Als viele Kurse nur noch ca. einen halben Tag dauerten und ich so viele TeilnehmerInnen hatte, dass ich mir die Namen nicht mehr merken konnte, hat mich diese Arbeit nicht mehr befriedigt und ich habe gekündigt.

Mutig.

Ja, aber für mich war es der einzig logische Schritt. Über die Zukunft habe ich mir absolut keine Sorgen gemacht. Und es ist auch immer das auf mich zugekommen, was für diesen Moment das Richtige war. Ich habe diesen Schritt nie bereut. Ich glaube, für den beruflichen Erfolg ist es wichtiger, die Tätigkeit auszuüben, die zu einem passt, egal ob in der Selbständigkeit oder in der Anstellung. Und ob selbständig oder angestellt: Das kann sich im Laufe des Berufslebens auch immer wieder ändern.

Die Tätigkeit, die zu einem passt – da kann man sich auch unsicher sein. Woher weiss ich, dass eine bestimmte Tätigkeit genau die ist, die zu mir passt? Wie hast du das herausgefunden?

Mir war die Arbeit mit Menschen schon immer wichtig. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch meine berufliche Tätigkeit. In der Schule fühlte ich mich gar nicht wohl, wenn ich einen Vortrag halten musste. Dann, 1987, durfte ich den Verantwortlichen der UBS ein Computerprogramm vorstellen. Ich war extrem nervös. Nach dieser Demonstration fühlte ich mich überglücklich, ich hatte es geschafft und ich wusste, das gefällt mir, genau das will ich in Zukunft machen. Dies war der Startschuss für die Erwachsenenbildung und das Coaching, und für beides schlägt mein Herz auch heute noch.

So klar ist es aber nicht immer.

Ja, wenn jemand sich beruflich verändern will und eine Idee dazu hat, rate ich, zuerst einmal in diesem neuen Beruf zu schnuppern. Oftmals haben wir Idealvorstellungen von einer Tätigkeit und erst während eines Praktikums können wir sagen, ob die Tätigkeit wirklich unseren Vorstellungen entspricht und wir dies in Zukunft machen wollen.

Soll man eigentlich lieber sanft vom Angestellten-Dasein in die Selbständigkeit wechseln, also das Pensum im Job nach und nach reduzieren? Oder ruckzuck Vollzeit in die Selbständigkeit wechseln?

Das kommt auf die Finanzen an. Wenn jemand ein finanzielles Polster hat, dann schlage ich einen Vollzeit-Start in die Selbständigkeit vor. Der Fokus liegt dann voll auf der Praxis und man kann die ganze Zeit in den Aufbau der Praxis stecken.

Und ohne Polster?

Da geht es praktisch nur über eine Teilselbständigkeit und eine Anstellung. Dieser Start wird wahrscheinlich länger dauern, da einfach nicht die gleiche Energie für die Praxis vorhanden ist. Die Anstellung benötigt ja auch Energie. Das habe ich auch bei mir gesehen. Die Erwachsenenbildung liegt mir näher, da stecke ich mehr Energie hinein. So bleibt der Coachingbereich auf Sparflamme, da ich dafür weniger Energie aufwende, was für mich auch stimmt.

Vielleicht kann das aber auch neue Energie freisetzen, wenn man weiss, dass die Anstellung nicht von Dauer sein wird und die Selbständigkeit langsam ins Rollen kommt?

Die Aussicht auf den Traumberuf und die Selbständigkeit kann selbstverständlich Energien freisetzen. Ich finde es wichtig, dass im Kalender fixe Zeiten eingetragen sind, an denen ich mich der Entwicklung meiner Selbständigkeit widmen kann. Also nicht nur Zeit für die KlientInnen, sondern wirklich Zeit für die Weiterentwicklung. Ich bin überzeugt, dass es auch auf die Arbeit im Angestelltenbereich ankommt. Wenn ich dort fixe Arbeitszeiten habe und loslassen kann, wenn ich die Arbeit verlasse, dann geht das Nebeneinander von Angestelltsein und Selbständigkeit einfacher.

Wir haben gemerkt, dass Naturheilkunde-Ausbildungen oft auch für Mütter interessant sind. Zwei Gründe scheinen da wichtig zu sein. Erstens sagen diese Mütter, sie würden etwas lernen, das ihnen in der Familie helfe. Und zweitens würden sie damit gleichzeitig ihren Wiedereinstieg in eine berufliche Arbeit vorbereiten. Denn während die Kinder immer selbständiger werden, können sie mehr und mehr Zeit für ihre Ausbildung und dann für ihre Praxis einsetzen. Inwiefern gilt auch in diesem Fall für den Aufbau der Praxis: Zuerst die Grundlagenarbeit mit Vision, persönlicher Standortbestimmung, Businessplan? Oder reicht das in diesen Fällen, wenn man das nach und nach angeht?

Ich persönlich finde es in jedem Fall wichtig, mir zuerst Gedanken über meine Ziele zu machen, mir eine Vision aufzubauen. Es spielt keine Rolle, ob ich als Mutter meine Praxis zuerst in Teilzeit und später vielleicht Vollzeit aufbaue oder als Angestellte, die nach und nach das Pensum reduziert. Für mich gehört die Grundlagenarbeit auch zur Ausbildung. Darum gibt es doch auch das Modul Praxismanagement.

Danke, Brigitta, für das Gespräch. Gibt es etwas, das du noch sagen möchtest?

Ja, Martin, das: Ich wünsche allen eine Vision und Ziele, für die es sich jeden Tag zu leben lohnt.

 

Brigitta Trinkler lebt dafür, Menschen darin zu unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, «damit ihre Welt liebevoller und friedfertiger wird», wie sie sagt. Ihre Spezialgebiete sind Reframing von Glaubenssätzen, berufliche Standortbestimmung, Kommunikation und Konfliktbewältigung. Brigitta ist Ausbilderin mit eidg. FA, dipl. Coach SCA, Marketingplanerin ergänzt mit Weiterbildungen in der Kommunikation, Tipping-Coach, hat auch Ausbildungen in ayurvedischer Ernährung und Massage absolviert. Zu Ihrer Website sagt sie: «Ach, ich weiss, ich sollte mich mal drum kümmern, aber ich bin da gerade sehr entspannt.»


Das Modul Praxismanagement und QM gehört zu den Praxis Fachthemen, das sind die sozialwissenschaftlichen und berufsspezifischen Teile der Berufe NaturheilpraktikerIn (eidg. dipl.), KomplementärTherapeutIn (eidg. dipl.) sowie Med. MasseurIn (eidg. FA).