«Sich einlassen auf das Abenteuer des Liebens!»

Ebikon, 12. September 2019 – Ruthild Schulze unterrichtet bei uns bald wieder einen Kurs in TCM-Kinderheilkunde. Hier im Interview: Warum die ersten zehn Lebensmonate so wichtig sind und einige Tipps für Eltern.

Kinder sollen so gesund und fröhlich wie möglich aufwachsen. Genau darin unterstützt Ruthild Schulze Eltern und ihre Kinder. Das hilft zu verhindern, dass sich pathogene Faktoren in der Tiefe festsetzen und später im Erwachsenenalter chronische Krankheiten entstehen. Ihr Wissen in TCM-Kinderheilkunde gibt Ruthild an der Heilpraktikerschule Luzern weiter.

Ruthild, warum ist TCM-Pädiatrie gerade heute so wichtig?

Unsere Nahrung ist oft so mangelhaft und so wenig «Lebens-Mittel», das urbane Leben und die Systeme der Kindergärten und Schulen so entfremdet von unseren Bedürfnissen – da sind einfache Interventionen zur Regulation gefragt. Genau da haben wir mit der Chinesischen Medizin ein wirklich lebensnahes und schnell wirkendes Handwerkszeug für viele Krankheiten. Von einfachen, leichten gesundheitlichen Problemen bis zu schwersten Krankheiten und vor allem – das ist die Stärke der Chinesischen Medizin – für die Prophylaxe! Und damit sind wir bei den Vorzügen der CM in der Pädiatrie: Kinder zu begleiten, bedeutet die Konstitution zu stärken und Erwachsenenprobleme und chronische Krankheiten zu vermeiden!

Wo setzt du da an?

Der Blick in die ersten zehn Monate nach der Geburt bietet vor allem das Potenzial, die Konstitution noch zutiefst positiv zu stärken und zu wandeln. Denn diese ersten 10 Monate sind die Parallele zur Schwangerschaft. Das heisst, Probleme der Schwangerschaft lassen sich sehr gut nachbereiten, das ist für die Neugeborenen wichtig und die Mütter und Eltern erst recht! Die Chinesische Medizin passt da ausgezeichnet: Da gibt es Nadelung und Arzneitherapie für schwere Krankheiten genauso wie manuelle Ansätze zur Stärkung oder TuiNa-Massagen und Gua Sha für schnelle Hilfe bei kleinen Dysbalancen.

In einem Satz – was rätst du Eltern?

Da nehme ich lieber Bezug auf die fünf Elemente, und das geht kaum in einem Satz. Also, Eltern sollen sich berühren lassen von dem, was ihre Kinder in ihr Leben bringen. Genau so neugierig sein und sich berühren und entzücken lassen wie ihre Kinder. Bereit sein, sich zu verändern und auch als Erwachsene zu «wachsen» – Holz. Dabei alte Muster, Verletzungen aus der eigenen Kindheit berühren, bearbeiten und verlassen – Metall. Und Jing und Shen festigen, also so viel Wahrheit und Bindung verwirklichen wie nur möglich – Wasser und Feuer! Das fördert Liebe, Lebendigkeit, Bewegung des Qi!

Und die Erde?

Die drückt sich in Bindung aus und wird durch Gemeinschaft und ein wirkliches Miteinander gefördert. Das ist die Basis zum «gesund Aufwachsen». Siehst du, das alles in einem Satz, ist kaum möglich. Vielleicht: Sich einlassen auf das Abenteuer des Liebens!

Und umgekehrt: Was würdest du Kindern direkt raten? Vielleicht besonders denen, die in die Pubertät kommen und die deshalb immer weniger Gehör für elterliche Tipps und Tricks haben?

Du bist kostbar und einzigartig – jeder Mensch ist ein einziges grosses Wunder. Nimm dich damit wahr! Sich abgrenzen ist okay! Sich ausprobieren auch! Vorbilder kannst du in der eigenen oder einer befreundeten Familie finden. Nimmt dich ernst, wenn dir etwas wichtig ist – folge deinem Herzen. Hol dir Hilfe und Unterstützung, wenn du sie brauchst. Spür dich und trau unbedingt deiner Intuition.

Und das wollen wir natürlich auch noch wissen: Nach deinem wunderschönen Kinderbuch Line und Paul und Akupunktur. Chinesische Medizin für Kinder! — planst du ein neues?

Ja, und zwar die Geschichte von dem Kinderwunsch-Wunschkind Jann. Wir sind gerade an den Illustrationen. Ich hoffe, dass es Anfang 2020 erscheint.

Oh, erzähl ein bisschen!

Gern. Jann hat in der Schule bezügliche eines Projekts «Mein-Körper» Unterricht bei einer Hebamme. Zuhause erzählt er seiner Mutter und seiner kleinen Schwester so einiges über Sex, Eizellen, Befruchtung und Spermien, Geburt und Wochenbett und so weiter. Seine Mutter ruft den Vater dazu und legt das Besondere von Janns Entstehungsgeschichte nach – Jann ist nämlich ein Kinderwunsch-Wunschkind, seine Schwester übrigens «nur» ein Wunschkind. In dem Buch gibt es wie bei «Line und Paul und Akupunktur» wieder eine Geschichte für Kinder zum Selberlesen oder Vorlesenlassen und im Glossar ganz viel zum Thema: Künstliche Befruchtung, Petrischalen, Brutschränke und Kryotanks, Adoption und Elternschaft, Verwandtschaft und auch Naturheilkunde im Kontext von Kinderwunschbehandlungen.

Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Es ist mir sehr wichtig, dies aus der pränatalen Körperarbeit heraus und eben auch aus meiner Praxiserfahrung – ich möchte Eltern unterstützen, Worte zu finden. Die Geschichte von Jann kann sie einladen und ermutigen, diese anstrengende Zeit des Wartens auf die Schwangerschaft zu integrieren. Leider ist es so, dass viele «Endlich-Eltern» Hemmungen haben und Scham empfinden, die Wahrheit mit ihren Kindern zu teilen. Diese Wahrheit, dass sie Assistenz auf dem Weg zum Kind hatten. Diese Scham ist doch nicht nötig. Sie wollten ihr Kind sehr und haben viel dafür getan. Das Leugnen und Ausklammern dieser Geschichte ist fatal. In meinem Vorwort nenne ich es eine Double-Bind -Situation: Das Baby/Kind kennt zwar auf der unbewussten Ebene seine Geschichte, aber die Eltern sprechen nicht drüber. Ein Tabu-Feld entsteht, irritiert, erschüttert, erzeugt Spannungen. Da soll dieses Buch helfen, Eltern und Kindern einen entspannten Umgang mit der eigenen Biografie zu finden: die Eltern zur Offenheit ermutigen, die Kinder durch die Wahrheit beruhigen.



Tipps: Wie Eltern ihre Kinder im normalen Leben gut fördern können

Zusammen Freizeit geniessen und sich im Freien bewegen. Jahreszeitenfeste helfen, sich selbst im Wandel des Jahres wahrzunehmen. Die Natur ist eine grosse Heilerin. Regelmässige Familienmahlzeiten. Essens- und Zu-Bett-Geh-Rituale.

Im Rhythmus der Natur leben, die Erde-Zeiten zwischen den Jahreszeiten zur Umstellung nutzen. Kleine Kuren machen, zum Beispiel manuelle Dinge wie Schröpfen und Gua Sha im Hausgebrauch oder Düfte für die Stimmung oder das Einschlafen. Sinnliches, Körpererfahrungen durch Sport, Gymnastik, Yoga usw. – gerne durch Vorbilder, also die Eltern machen das für sich, Kinder machen das schnell nach, oder durch gemeinsame Aktivitäten.

Selbstfürsorge lehren und lernen, zum Beispiel bei Anflügen von Infekten: Heisse Suppen oder Getränke und ansteigende Fussbäder und Helfer aus der Hausapotheke benutzen, die richtige Kleidung und einfache Hausmittel wie Halswickel oder Kinderheiltees oder die Hühnersuppe – als Selbstverständlichkeit kennenlernen. Dieses «Was brauchst du?» unterstützen und trainieren und dadurch die Selbstfürsorge fördern.

Körperkontakt von klein auf. So fühlt sich unser Körper-Haus – unsere Erde – sicher und kann Bedürfnisse irgendwann ganz selbstverständlich äussern.

Und Meridian-Dehn-Übungen und QiGong und Kinder-Shiatsu. Da gibt’s bereits tolle Bücher. Zum Beispiel die Samurei-Geschichten von Karin Kalbanter-Wernicke und Thomas Wernicke, sogar für Schule und Kindergarten.


 
Ruthild Schulze arbeitet seit 1990 als Heilpraktikerin und Dozentin für Chinesische Medizin. Ruthild ist spezialisiert auf Behandlungen bei Kinderwunsch, Begleitung während der Schwangerschaft sowie auf die Behandlung von Babys, Kindern und Jugendlichen. Sie unterrichtet seit 1994 Hebammen und GeburtshelferInnen in der Anwendung von Akupunktur für die Geburtshilfe. Ihre «Schwangerschaftsscheibe» bietet als «Wanderung durch den Vorhimmel» eine Orientierung während der 38 Wochen Schwangerschaft. An der Heilpraktikerschule Luzern unterrichtet Ruthild regelmässig Fortbildungen für TCM-TherapeutInnen in TCM-Pädiatrie. 2015 hat sie das Kinderbuch «Line und Paul und Akupunktur» publiziert, 2020 erscheint das Buch «Kinderwunsch-Wunschkind». Ihre Praxis führt Ruthild in Berlin:
www.ruthildschulze.de

Weiterbildungen mit Ruthild an der Heilpraktikerschule Luzern:
www.heilpraktikerschule.ch/tcm-weiterbildung
Weitere Interviews in Ruthilds Newsroom

Und mehr zu Kindern in unserem Kinder-Dossier.