«Der Körper übernimmt quasi die Führung»

Ebikon, 10. Januar 2022 – Seit über zehn Jahren unterrichtet Hermann Grobbauer Shiatsu Shin Tai-Weiterbildungen. Zeit für ein paar Fragen. Zum Beispiel zur propriozeptiven Wahrnehmung.

Foto von Shiatsu-Therapeut Hermann Grobbauer, Shin Tai Shiatsu

Hermann Grobbauer: Shiatsu Shin-Tai erhöht die Resonanz, lässt Körper und Geist in Bewegung kommen, sich entfalten.

2012 hast du zum ersten Mal Shiatsu Becken Mobile unterrrichtet, erinnerst du dich? Wie war das? Da hatten wir übrigens auch ein Interview, deshalb komme ich drauf.

Ich muss dich korrigieren, lieber Martin. Ich begann 2008/2009 mit meinem ersten Kurs an der Heilpraktikerschule und startete mit den ersten zwei Modulen Shiatsu Wirbelsäulen Mobile und Becken Mobile. Und ja ich erinnere mich gut daran. Schon die Vorbereitung war eine grosse Herausforderung für mich. Ich musste alles in die strukturierte Form eines Skripts bringen – eine schweisstreibende Unternehmung, da ich dies in dieser Form zum ersten Mal machte. Ich war dann auch etwas stolz auf das Ergebnis und erhielt anschliessend an den Kurs positive Kritik hinsichtlich der Brauchbarkeit der Unterlagen.

Und das Unterrichten selber?

Vor dem Unterricht war ich dann entsprechend nervös. Ich wusste zwar, dass die Wirkung der Techniken in meiner Praxiserfahrung effizient ist, doch stellte ich mir die Frage, ob ich sie brauchbar vermitteln könne. Als ich dann noch erfuhr, dass eine Physiotherapeutin zu den TeilnehmerInnen zählte, war dies auch nicht gerade entspannungsfördernd, da ich das Potential der Physiotherapie schätze. Der Erfolg des Lehrgangs und die Rückmeldungen anschliessend machten mich sehr froh und dankbar. Diese Dankbarkeit und Freude empfinde ich bis heute, und sie fördern meinen Enthusiasmus für diese von Saul Goodman entwickelte Arbeit.

Wie hat sich dein Shiatsu seither entwickelt?

Seit damals hatte ich dann Gelegenheit, alle Shin-Tai-Lehrendentrainings bei Saul Goodman zu absolvieren und so noch tiefer in diese Thematik einzutauchen und meine Lehrkompetenz zu fördern. Shiatsu wurde noch mehr zu einer Lebensphilosphie und bereichert meinen Arbeitsalltag wie auch meinen privaten Alltag. Heute erfahre ich durch das Studium von Arbeiten und Teachings von Wissenschaftlern wie Bruce Lipton, Gregg Braden, Sue Morter, Tom Myers und anderen die entsprechende Äquivalenz in der modernen Forschung. Ich sehe da ein Riesenpotential auf uns zukommen, Epigenetik, «neue» Biologie, Photonenforschung. Wir erkennen immer mehr den Wahrheitsgehalt der alten Erkenntnislehren: Wir sind Licht, Klang und Bewegung.

Wie bedeutsam ist Shin Tai für dein Shiatsu?

Da gibt es verschiedene Ebenen. Zum einen erlaubt mir die strukturelle Arbeit meist eine effiziente Schmerzentlastung bei Rückenproblemen – die sind ja sozusagen mein Steckenpferd – und da erhalte ich auch erfreuliches Feedback von meinen StudentInnen. Eine andere Ebene ist eine etwas abstraktere. Sie betrifft die «Feldarbeit», die wir in allen Kursen mit dem Training der propriozeptiven Wahrnehmung üben.

Was ist diese Feldarbeit, diese propriozeptive Wahrnehmung?

Hier geht es darum, ein Gefühl für den Energiekörper zu bekommen und auf eine sichere Art zu erfahren, wie faszinierend es ist, wie unsere unsichtbaren Antennen funktionieren. Für die KlientInnen wird dies wohl durch das Gefühl des akkuraten Verstanden-Werdens, des Abgeholt-Werdens und des Berührt-Seins erfahren. Ein Pionier der Wissenschaft auf diesem Gebiet ist wohl der Biologe Rupert Sheldrake. Er postuliert die Existenz von sogenannten morphogenetischen Feldern, die alle Formbildung in der Natur beeinflusst. Dies hat mich sehr fasziniert. Ich bin kein Wissenschaftler, doch meine Erfahrungen machen diese Forschung plausibel: den Menschen als Seele mit einem Körper zu sehen, der sich über verschiedene Schichten sukzessive verdichtet. Saul Goodman nennt es Bioplasmakörper, dessen wir uns mit Hilfe der Propriozeption bewusster werden können. Eine andere Quelle wäre das Buch «Die göttliche Matrix» von Gregg Braden.

Faszien, meine ich gehört zu haben, seien auch ganz wichtig?

Ja, sie helfen uns, unsere Welt, die innere wie die äussere, zu erfahren. Faszien sind für mich auf der materiellen Ebene das, was oft als Matrix bezeichnet wird. Sie verbinden, stützen, schützen, sind Stossdämpfer und haben ein eigenes Gedächtnis. Letzteres wird durch Berührung und Bewegung angeregt und kann zu tiefer Erlösung und Automotion – ein unwinding, also eine Art Entwindung – der Skelettmuskeln führen. Quasi ein Entbinden von Energiepotenial.

Deine Shin-Tai-Weiterbilung ist sehr beliebt. Wie wichtig ist es auch für dich, zu dozieren, Weiterbildungen zu geben?

Wie bereits oben erwähnt bin ich sehr dankbar, meine Erfahrungen und Einsichten in diese Körperarbeit vermitteln zu können. Dass einige TeilnehmerInnen bereits das ganze Programm absolviert haben, einige einzelne Module wiederholen, um die Inhalte noch mehr zu vertiefen, und einige sogar assistieren möchten, erfüllt mich mit Freude. Wenn ich dann auch Feedback bekomme, dass diese Arbeit wie ein missing link war und sie erfolgreicher sind, kann ich mir nichts Schöneres wünschen!

Was ist das coolste Erlebnis bislang mit Shiatsu?

Da möchte ich gern an den Beginn zurückgehen. Im ersten Lehrgang war ja eine Physiotherapeutin in der Gruppe, und ich dachte mir, ob das, was ich da vermittle, ihren Ansprüchen genügen würde. Ich hatte also Selbstzweifel – und sie schaute mich immer so aufmerksam, ja streng an. In diesen Kurs liess ich auch Stimmarbeit, also Vokalklänge entlang der Wirbelsäule, einfliessen, ich kannte das von meinem Yoga- und Schamanismus-Studium. Die Physiotherapeutin arbeitete mit Lungenkranken und setzte diese Technik in ihren Therapiegruppen ein und hatte grossen Erfolg damit. Diese Selbstzweifel hätte ich also gar nicht haben müssen: Ihre PatientInnen konnten den hartnäckigen Schleim lösen und besser abhusten. Ein anderes Beispiel erlebte ich bei einem Strukturkurs. Eine Studentin hatte endlich erfolgreich die Rückenblockade eines Klienten lösen können.

Jetzt hast du dann gleich den Wirbelsäulen-Mobile-Kurs und im Juni den Advanced Zentralkanal, worum geht es da?

Im Advanced geht es um erweiterte Techniken zur Entspannung des Zentralkanals. Während sich im ersten Teil, also im Entspannungskurs, die Kontakte in einem mehr oder weniger linearen Ablauf zeigen, ist der Kanal im Advanced bereits vorbereitet und freier. Dies öffnet ihn für einen eher nonlinearen Ablauf und erweiterte, peripherere Kontakte. Befanden sich die zu berührenden Stellen zuvor eher entlang des Zentrums, arbeiten wir jetzt auch an den Suturen, also an den Kranialnähten, und auch an der Körpervorderseite.

Inwiefern spielt das Propriozeptive in diese Arbeit hinein?

Sobald das System freier ist, zeigt sich mehr und mehr Eigendynamik im Körper. Es übernimmt quasi der Körper die Führung. Dabei kommt es zu etwas Spannendem, zu dem, was wir propriozeptive Vorschläge oder Impulse nennen: Sie lenken das Bewusstsein der EmpfängerIn zu den spezifischen Stellen und mit der Aufmerksamkeit folgt die Energie. Damit baut die Person mehr Potential zur Selbstausrichtung auf. Als Therapeut trete ich so in der Aktion immer mehr in den Hintergrund und werde mehr zum Begleiter.

Neu gibt es die Masterclass-Serie. Was ist das?

Da haben wir zwei Module. Das eine, der Zentralkanal-Refresher, dient der Wiederholung der primären Kontakte I-V, da gehen wir noch einmal auf die grundlegende Zentralkanal-Arbeit ein. Dieser Refresher kann, muss aber nicht, als Auffrischung und Vorbereitung für das andere Masterclass-Modul besucht werden, das ist der Advanced Zentralkanal, über den wir vorher gesprochen haben. Diese persönliche Weiterentwicklung des Shiatsu, das ist ein unglaublich spannendes und lohnendes Unterfangen, für sich selbst und natürlich für die KlientInnen.

Hermann, danke für das Gespräch.

 

Hermann Grobbauer ist KomplementärTherapeut OdA KT Methode Shiatsu und führt eine eigene Praxis mitten in Bern.

Weitere Interviews im Newsroom; mehr über Hermanns Shin Tai-Shiatsu bei uns auf der Website und auf Hermanns Website.

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